Innerhalb weniger Tage haben die deutschen Aktienmärkte ein völlig verändertes Gesicht erhalten. Nach Ostern setzten plötzlich bei einigen wenigen europäischen Spitzenwerten massierte Käufe ein, die auf amerikanische Rechnung gingen. Von den deutschen Gesellschaften waren davon BASF, Bayer, Hoechster Farben, AEG, Siemens und Rheinstahl betroffen, also alles Unternehmen, die als "erstklassig" bekannt sind. Angesichts der Marktenge, die praktisch seit Jahren auf den deutschen Wertpapiermärkten herrscht, mußten die Käufe zu einer scharfen Aufwirtsbewegung bei den betroffenen Papieren führen. Sie erlebten einen Anstieg, der zwischen 20 und 40 Punkten liegt.

Ausgangspunkt der amerikanischen Käufe ist die Aktivität des amerikanischen Investment-Fonds "Eurofund", der dem Effekten-Publikum Papiere seines Fonds anbietet, in dem ausschließlich europäische Werte enthalten sind, vorerst nur Aktien solcher Gesellschaften, die im EWG-Bereich arbeiten. Die Investitionen des Fonds können sich später aber auch auf andere europäische Länder erstrecken, also auch England einbeziehen. Der Fonds verfügt über Operationsmittel von zunächst 50 Mill. Dollar. In der gegenwärtigen Börsensituation genügt aber schon ein Bruchteil dieser Summe, um eine neue Hausse-Welle in Europa zu erzeugen. Mit einer solchen Bewegung hatten zwar viele Wertpapier-Experten gerechnet, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt, nämlich nach der Außenminister- oder Gipfel-Konferenz. Man nahm an, daß sich die Amerikaner bis dahin mit Engagements in Europa zurückhalten würden. Um so größer war die Überraschung, als jetzt die Käufe einsetzten, die praktisch einer neuen Schicht amerikanischer Anleger den europäischen Aktienmarkt erschließen.

Vieles deutet darauf hin, daß sich das Interesse der Amerikaner an deutschen Wertpapieren noch verstärken wird. Für Mitte dieses Monats wird eine Experten-Kommission aus Wall Street erwartet, die prüfen wird, ob und in welchem Ausmaß die Aktien weiterer deutscher Gesellschaften für US-Anleger in Frage kommen. An die Zulassung deutscher Aktien zum offiziellen Börsenhandel in Wall Street ist noch nicht gedacht.

Was veranlaßt die Amerikaner, sich gerade zum jetzigen Zeitpunkt den deutschen Werten zuzuwenden? Wenn man nach der Antwort auf diese Frage sucht, so stößt man zunächst auf die hohen Kurse in Wall Street, die sowohl die Rendite der erstklassigen Werte stark gedrückt hat, daneben aber das Risiko eines Rückschlages wesentlich vergrößert haben. Doch das ist nicht die Hauptsache. Wesentlicher scheint die Tatsache zu sein, daß viele Anleger der Stabilität des Dollars mißtrauen (Siehe auch auf Seite 11: "Amerika zweifelt am Dollar"). Sieht man von den zahlreichen Gründungen neuer Gesellschaften mit amerikanischem Kapital oder Direktbeteiligungen in Europa ab und beschränkt sich auf eine Untersuchung der Aktienkäufe, dann kommt niemand um die Feststellung herum, daß die Amerikaner hier bislang nur ein recht kleines Feld beackern; aber nicht nur die Amerikaner, auch die europäischen Investment-Gesellschaften haben bislang bei der Zusammenstellung ihrer Fonds eine gewisse Einseitigkeit erkennen lassen.

In allen Europa-Investment-Fonds (einschließlich Portefeuille von Robeco, einer holländischen Anlage-Gesellschaft) sind Aktien folgender Gesellschaften enthalten: BASF, Bayer, Hoechst, Montexatini, Philips, AEG, Siemens, Unilever, Deutsche Bank und Dresdner Bank. Die Kurse dieser Werte hängen deshalb sehr stark von den Dispositionen der Investment-Gesellschaften ab, im positiven und im negativen Sinne. Die Erfahrung lehrt, daß die Amerikaner in ihrer Wertpapieranlage sehr beweglich sind. Bei einer kritischen Vergrößerung des politischen Risikos in Europa werden sie sich sehr schnell von ihren Papieren wieder zu trennen wissen, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Die Vorgänge im Gefolge der Libanon- und anläßlich des ersten Aufflackerns der Berlin-Krise haben gezeigt, daß sich dann in der Bundesrepublik niemand findet, der bei Ausländer-Verkäufen kursstützend eingreift. Deshalb wird man sich in den genannten Werten künftig auf für europäische Verhältnisse ungewöhnliche Kursschwankungen einstellen müssen.

Natürlich kann sich eine Hausse in den Spitzenpapieren des Aktienmarktes nicht isoliert vollziehen. Dieser Meinung war auch der sogenannte Berufshandel, der sich in den letzten Tagen vor allem der Montane annahm. Bevorzugt wurden hier Thyssen, Phoenix-Rheinrohr, Mannesmann und Hüttenwerk Oberhausen. Im Falle Mannesmann glaubt man, daß auch dieses Papier eines Tages die Aufmerksamkeit der Amerikaner finden wird. Nicht nur wegen des guten Klanges seines Namens, sondern auch im Hinblick auf die wertvollen außereuropäischen Anlagen.

Kurt Wendt