Eigentlich hatten die meisten von uns geglaubt, sie kennten den großen alten Mann, seine Reaktionen, sein Gespür für Macht, seine Beharrlichkeit und seinen Instinkt festzuhalten – Eigenschaften, die man oft als Starrheit empfand. Aber wie schon so oft hat Konrad Adenauer gerade in dem Moment jene Theorien erschüttert, in denen sie unbezweifelbarer schienen denn je.

Niemand hätte dem Bundeskanzler die Elastizität zugetraut, abseits von allen bisherigen Erwägungen, gewissermaßen aus heiterem Himmel den Entschluß zu fassen, sein Amt in Frage zu stellen; in wahrstem Sinne des Wortes sein Amt, denn erst durch ihn wurde es geprägt in Form und Inhalt. Niemand hätte ihm die jugendliche Kraft zugetraut, sein, Konrad Adenauers Bild für einen Augenblick ganz wegzuwischen und dann wieder neu konzipieren zu können. Denn Flexibilität war nicht gerade das Epitheton, das ihm (vor allem in letzter Zeit) zuerkannt wurde, weder von seinen Bewunderern noch von seinen Kritikern.

Konrad Adenauer wird nun dieses Amt einem Nachfolger überlassen, den er bestimmt (den er nur als Bundespräsident bestimmen kann), und wird damit einen entscheidenden Einfluß auf die Kontinuität der Politik ausüben. Er selber wird die Arena des Kampfes verlassen und über den um die Macht streitenden Parteien stehen. In der größeren Ruhe und Distanziertheit des höchsten Amtes im Staate wird er als Schirmherr und Wächter der Bundesrepublik noch lange wirken können. Vielleicht wird sich zeigen, daß er von dort aus mehr Einfluß auf den Lauf der Dinge ausüben wird, als man sich bisher träumen lassen konnte. Denn in diesem Amt stecken viele, bisher noch nicht erschlossene Reserven. Es wird interessant sein zu sehen, wieviel Gewicht das Amt des Bundespräsidenten auch in einer sozusagen antipräsidial angelegten Verfassung dann bekommt, wenn es jemand übernimmt, der all das nicht nur an Eigenschaften, sondern vor allem auch an Renommee und Assoziationen mitbringt, was in diesem Hause nicht entstehen kann.

Multipliziert man die beiden Faktoren Dauer und Einwirkungsmöglichkeiten miteinander, so kann es sehr wohl sein, daß die Summe an politischem Einfluß, die Konrad Adenauer als Staatsoberhaupt haben wird, größer ist als die, die ihm als Bundeskanzler verblieben wäre. Der Kanzler hat immer in Millimetern gemessen und Maßarbeit geleistet. Das sollte diejenigen beruhigen, die fürchten, ohne den gewohnten Steuermann würde das Schiff in schwerer See vom sicheren Kurs abkommen. Das ist ja gerade das Überzeugende an diesem Entschluß: daß Adenauer selber die Ablösung überwacht, die Kontinuität also gewährleistet ist. Und daß jüngere Kräfte die Politik der neuen Phase, der wir entgegengehen, in die Hand nehmen können und dabei doch kein Erdrutsch entsteht.

Und noch etwas: Man spricht oft von der Regierungsmaschinerie, und dann meint man zu sehen, wie ein Rädchen zwangsläufig in das andere greift, wie keines aus seiner Bahn herauskann und Funktionäre das Ganze jeweils an- und abstellen. Angesichts solcher Vorstellungen ist es dann wirklich bewegend zu sehen, wieviel Spontaneität – und das heißt doch nicht nur Geist, sondern auch Menschlichkeit – noch immer am Werke ist. Das gilt auch für die 63 Männer, die in jener historischen Sitzung den entscheidenden Entschluß faßten, Adenauer für das Amt des Bundespräsidenten zu nominieren. Marion Gräfin Dönhoff