Die Äußere Mongolei ist seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen China und Rußland, und die Rivalität der Chinesen und Russen ist in diesem Gebiet auch nicht erloschen, seitdem in beiden Ländern der Kommunismus gesiegt hat. In dem Tauziehen um die Mongolei, so scheint es, hat Moskau jetzt gegen Mao Tse-tung eine Runde gewonnen. Das jedenfalls ist die Auslegung, die Wolfgang Leonhard der jüngsten Säuberung in der Mongolischen Volksrepublik gibt. Dem Revirement ist fast die gesamte Parteiführung zum Opfer gefallen. An ihre Stelle trat ein neues Polit-Büro.

Die Mongolische Volksrepublik hat bis Anfang der fünfziger Jahre eindeutig zur sowjetischen Einflußsphäre gehört. Obwohl die Äußere Mongolei (Gebietsfläche 1,5 Millionen Quadratkilometer; 1 Million Einwohner) formell seit 1924 unabhängig ist, war sie schon in den dreißiger Jahren in völlige Abhängigkeit von der Sowjetunion geraten.

Nach sowjetischem Vorbild wurden in der Mongolei Fünfjahrespläne verkündet, Viehzucht und Ackerbau kollektiviert und die Wirtschaft der zentralen staatlichen Planung unterstellt. In den vierziger Jahren wurde das russische Alphabet eingeführt. Die herrschende Mongolische Volksrevolutionäre Partei (mit gegenwärtig 37 000 Mitgliedern) ist ein getreues Abbild der sowjetischen KP.

Auch die Mongolei hatte ihren verherrlichten Führer: Marschall Tschoibalsan. Als er am 28. Januar 1952 starb, wurde ihm in Ulan-Bator ein Mausoleum errichtet, das dem Lenin-Stalin-Mausoleum in Moskau gleicht. Die Macht ging nach dem Tode des Marschalls an Jumshagin Zedenbal über, der – zumindest bis zu Stalins Tod – ein getreuer Satellitenführer Moskaus war. Seit 1940 war Zedenbal Generalsekretär der Partei. Er ist mit einer Russin verheiratet, die hinter den Kulissen der mongolischen Politik eine nicht geringe Rolle spielen soll.

Als nach Stalins Tod in Moskau die „kollektive Führung“ proklamiert und die Posten des Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten personell getrennt wurden (Chruschtschow und Malenkow), folgte – im Frühjahr 1954 – auch die Mongolei dem Moskauer Beispiel. Zedenbal trat vom Posten des Parteisekretärs zurück, blieb aber Ministerpräsident. Zum Ersten Parteisekretär wurde Dashin Damba ernannt, ein Absolvent der mongolischen Parteihochschule, der seit 1940 ZK-Mitglied, seit 1947 Vollmitglied des Politbüros und Zweiter Sekretär der mongolischen Partei war. Von Damba wurde behauptet, er blicke nicht nur nach Moskau, sondern auch nach Peking.

In der Tat waren die Jahre 1954–58 deutlich durch ein Tauziehen zwischen Peking und Moskau um den Einfluß in der Mongolei gekennzeichnet. Bis 1953 gab es in der Mongolei nur eine einzige Eisenbahnlinie: Von Ulan-Bator nach Norden, zur Sowjetunion. Zwischen 1953 und 1956 wurde eine zweite Linie gebaut: von Ulan-Bator nach Süden, nach China. Klaus Mehnert, der die Mongolei im Sommer 1957 besuchte, berichtete, daß über diese Bahn Tausende von Chinesen in die Äußere Mongolei eingeschleust würden und ihr Bau eindeutig mehr im Interesse Pekings als Ulan-Bators gelegen habe. Im Juli 1957 wurden in Peking schließlich geographische Karten verkauft, auf denen die Grenze zwischen der Mongolischen Volksrepublik und China als „nicht endgültig festgelegt“ markiert war.

Dies aber war deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Äußere Mongolei an das Autonome Gebiet der Inneren Mongolei in der Volksrepublik China grenzt und Peking einer Vereinigung aller Mongolen – natürlich innerhalb seines Staatsbereichs – nicht ganz abhold schien. Tschu En-lai beschwerte sich jedenfalls im Juli 1957 öffentlich darüber, daß die Grenze eine Nation in zwei Teile schneide. Und Peking schloß mit Ulan-Bator viele Verträge, die der Kreml gewiß nicht immer gern sah.