O. F. B., Wien

Heimo Erbses Ballett „Ruth“ stand als Uraufführung im Mittelpunkt eines überaus glanzvollen Ballettabends, den Yvonne Georgi an der Wiener Staatsoper geschaffen hatte. Er entwickelte sich zu einem wahren Triumph für den Gast aus Hannover. Die einstige Partnerin Harald Kreutzbergs, die heute eine der interessantesten Tanzgestalterinnen unseres Theaters ist, bestach ihr Wiener Publikum durch die klare Geometrie ihrer Schöpfungen, durch ihr Gefühl für Raumspannungen und ihre Fähigkeit, auch ein etwas verstaubtes Werk wie etwa „Les Sylphides“ (nach Chopin) neu zu beleben.

Mit der Uraufführung von Heimo Erbses „Ruth“ erfüllte Yvonne Georgi ein Vermächtnis der verstorbenen Wiener Ballettmeisterin Erika Hanka, die dieses Werk angeregt und kurz vor ihrem Tod einzustudieren begonnen hatte.

Das Buch von Gate Hofman ist tänzerisch nicht sehr dankbar. Es schildert die Flucht von Ruth und Naemi aus dem Lande der Moabiter. In Juda wird Ruth der Verführung Boas’ bezichtigt und vermag den Richter nur schwer von ihrer Uhr schuld zu überzeugen.

Heimo Erbses Musik erfüllt diese etwas dürftige Geschichte mit großer rhythmischer Vitalität. Es gibt in seiner Partitur Höhepunkte von zupackender Kraft, wie etwa Boas’ Tanz oder das energiegeladene Finale. Diese Partitur unterscheidet sich stellenweise sehr stark von der streng seriellen Schreibweise Erbses. Doch drohen ihr von anderer Seite her Gefahren. Allzu routiniert werden darin die Formeln des Strawinskijschen und Bartokschen Vokabulars eingesetzt. Die Geschicklichkeit, mit der dies geschieht, erscheint stellenweise suspekt: man wird das Gefühl nicht los, Musik aus zweiter Hand zu hören.

Zuvor gab es Strawinskijs „Agon“, seiner letzten, seriellen Epoche entstammend, aber Bruchstücke aus einer vorhergehenden, neoklassizistischen Kompositionsweise mit einschmelzend.

Der stärkste Eindruck des Abends ging jedoch von Yvonne Georgis Ballett „Evolutionen“ aus, mit elektronischer Musik von Henk Badings. Geräusche, Rhythmen und (vereinzelte) Töne waren da zu einem visionären Konglomerat gebraut worden, in dem sich doch auch mitunter der strenge Aufbau geschlossener Formen erkennen ließ. Vielleicht wird die Elektronen-Musik, die heute noch unsere Avantgarde beschäftigt, sich eines Tages als Kinoorgel und Geräuschkulisse, als Superkitsch kommender Zeiten entpuppen. Aber ehe es zu einer solchen Degeneration käme, lassen sich, wie Henk Badings demonstriert, der neuen Technik sehr amüsante Möglichkeiten entlocken. Stellenweise klingt das, als würde ein Rundfunkgerät rückgekoppelt, als schaltete ein schlechter Autofahrer in den nichtsynchronisierten ersten Gang und zöge dazu eine leere Konservendose über das Pflaster nach. Dieses visionäre Spiel bietet aber viele tänzerische Auswertungsmöglichkeiten, weil es ein unbegrenztes Assoziieren gestattet. Da exhibiert der Mensch unserer Zeit seine Ängste, zuckt in Rock’n’Roll-Rhythmen, kopuliert sich, zeigt Sehnsucht und Befreiung, und vor allem: er lacht über sich selber. Würde dergleichen allzu ernst genommen, so wäre es vermutlich schwer verdaulich. Doch ist Wien die Stadt, in der man auch einen Ionesco zum Publikumserfolg machte, indem man ihn nicht tierisch ernst, sondern mit echter Lustigkeit spielte.