Die Prozesse gegen antisemitische Hetzer und Beleidiger, die in jüngster Zeit in der Bundesrepublik geführt werden mußten, rechtfertigen Manfred George’s besorgte Frage, ob wir es bei diesen Erscheinungen mit einer Verstärkung antisemitischer Tendenzen zu tun haben.

Ich glaube, diese Frage verneinen zu dürfen. Sicher ist, daß die Erkenntnis, zu welchen Verbrechen der Antisemitismus führte, viele Antisemiten bekehrt hat und daß auch unter ehemaligen Antisemiten Abscheu und Reue über das Geschehene zu finden ist. Das bedeutet: Die Antisemiten haben sich vermindert um die Verführten.

Sie haben sich weiter vermindert um die Opportunisten. Geblieben sind die konfusen Fanatiker. Und geblieben sind, der Zahl nach nicht abschätzbar, die nicht nur in Deutschland existierenden Personen mit jenen Vorurteilen gegen die Juden, die, im Unbewußten angesiedelt, eines Anstoßes bedürfen, um sichtbar zu werden.

Die konfusen Fanatiker, die sich bei näherem Hinsehen als manische Agitatoren erweisen, sind es, die jene Broschüren schrieben, die die Beunruhigung verursachten. Es sind Pamphlete im Stile der völkisch-nationalsozialistischen Haßpropaganda gegen die Juden. Nach altem bewährtem Muster wird das sogenannte „internationale Judentum“ – die Internationalität des Judentums war von jeher antisemitisches Dogma – für alles Unglück im Leben der Völker verantwortlich gemacht. War es früher „Judas Schuld“ am ersten Weltkriege, am Kriegsverlust an der Revolution, am Versailler Diktat, an der Inflation, am Ruhreinbruch, so wird diese historische Liste heute ergänzt durch den zweiten, Weltkrieg, die nationalsozialistische Diktatur und sogar die nationalsozialistischen Massenmorde an Juden, die Hitler im Auftrage der geheimen jüdischen Weltorganisation begangen haben soll.

Es sind Behauptungen und Argumentationen, so albern und abstrus, daß sie, sollte man meinen, nur auf Geisteskranke, nicht auf denkende Menschen wirken können. Trotzdem soll man sie nicht für ungefährlich halten; denn der Antisemitismus ist nicht das Produkt von Logik und Erfahrung, sondern von wirren Gefühlen und dunklen Instinkten.

Gerade diese Tatsache schützt die heute meist nüchtern denkende Jugend vor der Infektion. So sind die konfusen Fanatiker zum Glück ohne Nachwuchs und darauf angewiesen, sich den erwünschten Beifall gegenseitig zu spenden – was umfangreiche Briefwechsel beweisen. Überwiegend sind die Verfasser derartiger Pamphlete alte Leute, Greise zum Teil, die nichts anderes zu tun haben und nichts anderes tun, als ihre krankhaften Ideen zu predigen. Man sollte deshalb meinen, daß jedenfalls solche Amokläufer zum Aussterben verurteilt sind – eine Hoffnung, die indessen durchaus enttäuscht werden kann.

Was ist zu tun? Man soll das Problem des Antisemitismus heute bei uns weder dramatisieren noch bagatellisieren. Man soll es analysieren, den latenten Antisemitismus durch Aufklärung und Jugenderziehung auflösen, strafbaren Exzessen konfuser Fanatiker aber mit den legalen Mitteln des Staates nachdrücklich und im richtigen Maß entgegentreten. Ernst Buchholz

Generalstaatsanwalt in Hamburg