Von Martin Beheim-Schwarzbach

Er raucht natürlich Pfeife, dieser kauzige Wandersmann, kein cherubinischer, eher ein panischer; mit Zigarette wäre er ganz undenkbar, er schmaucht ein bitteres, würziges und sehr hartes Kraut, das er zahnlos, brummig und schwärmerisch-süchtig in sich hineinsaugt: „ein unaufhörliches inneres Pfeifenrauchen, bei dem sich Gott, Welt und das Privatissimum des eigenen Herzens zu einem angenehmen Halbdunkel vermischen“. So er selber in einem der zahlreichen Selbstbezüge, von denen sein Buch wimmelt:

Kurt Matthies: „Summe des Wanderns“, Wege, Bilder, Träume, Begegnungen; Kösel-Verlag, München; 211 S., 12,– DM.

Es ist dies ein Buch, das händlerisch gründlich unter den Tisch fallen dürfte. Wer soll es lesen, es geht nur ausgepichte Kenner an, aber der Kritiker trachtet es um so zärtlicher an sein Herz zu nehmen, je kleiner und erlesener seine Gemeinde sein wird. Da schlendert und stolpert einer, der sich ehrlich ausgedient vorkommt, offenbar vorwiegend auf dem Fahrrad durch die Länder, schaut um sich und grübelt (und raucht Pfeife): „Wenn die Weltgeräusche mit schwächerer Brandung an unseren Ufern stehn, besteigen wir den Turm der Erinnerungen.“ Und gleich danach: „Wie bin ich doch so verregnet, wie bin ich zernagt vom Rost der Bekümmernis! Wie gänzlich war ich doch von mir getan und meiner Seele ein Stein des Stolperns geworden.“

Manchmal unterhält er sich auch, aber er ist sehr wortkarg, und am besten kommt er mit denen aus, die wie er nur so vor sich hin paffen und dann und wann ein Wort brummen. Man sollte also denken, nur wenig Worte, und störrische, sind ihm gegeben. Weit gefehlt. Er verfügt über die sprachliche Präzision und Fülle etwa Ernst Jüngers, dessen Vernarrtheiten in die verborgenen Exzentrizitäten der Natur er teilt, nur ist seine Grundhaltung nicht die leidige stählerne, sondern eine melancholisch schwärmerische, die eines (vermeintlich) alten Mannes, der sein Leben als ein „Gedrösel“ erachtet. Dies eine seiner Lieblingsvokabeln. Seine schönsten Wandergrübeleien sind seine Betrachtungen über den Adler, über die Zirbelkiefer, über das Krautmeer der Saragassosee, über Libelle, und Medusa; über den Tod natürlich, wie es einem so deutschen Gemüt zukommt, und über die schwere Armut des eigenen, des norddeutschen Landes:

„Was bist du arm, mein Land! Wie wühle ich mich doch schwer durch deine ungeordneten Sande! Niemals bist du ganz dem Wasser enthoben. Dein Sommer ist ein schwüler Schwall und grüner Rauch und ein fließender Wirbel aufgelöster Dinge. Dein Herbst sinkt naß und seufzend in die Novembergruft. Dein Winter ist fast das trübe Nichts. Du beherbergst kein Volk. Weit über deine Fläche verloren, schallt der Ruf von den Höfen der einzelnen, und auf den einsamen Warften des Gewissens brüten sie Gefährliches aus. Deine alten Städte sind alle Vineta, der Tiefe verwandt. Niemals kanntest du Götter. Du bist unheimlich. Du rufst die Lebenden zu den Toten. Wegloses Land! Halb erschaffen, halb wieder versunken. Liegengelassen von Gott gleich zu Anfang, da er sich, müde des triftenden Sandes und satt des immer wieder zerfließenden Lehms, helldonnernd zu seinen Gebirgen wandte. Land ohne Geschichte! Alle Taten versinken spurlos in dir.“

Seht, so dichtet einer, der in Pinneberg lebt und als Packer sein Brot verdient, und doch ein Dichter ist...