Mancherlei historische Analogien fallen dem ein, der am zweiten Kongreß der schwarzen Schriftsteller und Künstler in Rom – der erste hatte vor zwei Jahren in Paris stattgefunden – teilnehmen konnte: Wie war das damals, als die weißhäutigen Germanen in das gleiche Rom kamen, Söldner zuerst, dann Offiziere, Politiker schließlich, die schon der antiken Bildung teilhaftig waren? Und wie ging es, vor einem ganz anderen historischen Horizont, zu, beim Erwachen der Tschechen, Serben, Slowenen, all der Völker, deren Sammelname im Mittelalter gleichbedeutend mit Knechtschaft gewesen war (Slawe und Sklave sind in der Wortwurzel eins)? Schriftstellerkongresse der sich befreienden Völker hat es damals nicht gegeben, und man muß bezweifeln, ob jemals die Neuankömmlinge der Weltpolitik und der Weltkultur sich so ungezwungen in den Trachten und Gewohnheiten ihrer alten Herren und Meister bewegt haben.

Tatsächlich fällt bei diesem Kongreß der sich emanzipierenden schwarzen Rasse zunächst nichts auf als das Schwarz der Köpfe im Gewühl der üblichen graumelierten Anzüge und über dem Billardgrün der Konferenztische. Alles ist wie gehabt: Ausschüsse, Unterausschüsse, Resolutionen, gelangweilte Präsidien, hastige Simultandolmetscher, verschobene Programmpunkte. Man studiert die Gesichter, wird mit dem und jenem bekannt gemacht, verwechselt den einen mit dem anderen, die Physiognomien kommen einem zunächst vor wie Serienfabrikate aus derselben Fabrik. Dann treten langsam Konturen hervor, man wird empfänglich für Nuancen. Und während es das erklärte Ziel des Kongresses ist, die Einheit aller Neger herzustellen von Martinique bis Madagaskar, von Tennessee bis Timbuktu, geht der Beobachter gerade den umgekehrten Weg: die kompakte Masse der Schwarzen löst sich für ihn in Gruppen, in Typen, in Individuen auf.

Wie viele Nuancen der Hautfarbe vom sanften Gelb der Mischlinge über das schöne glänzende Kaffeebraun bis zum matten Blauschwarz! Wie viele Gesichtstypen vom Yankee mit der großen Oberlippe, den gekerbten Mundwinkeln, der gefältelten Haut zum schlanken Antillenneger mit dem schwarzen Wollschnurrbärtchen, wie aus einer Rembrandtzeichnung gestiegen, zum breitflächigen, wulstlippigen Gesicht des Senegalesen, zu den flinken Schlitzaugen der Malegassen!

Verschieden die Trachten, wenn die „Kongressisten“ die Festtagsgewänder anlegen: Togen, Turbane, seltsame Zipfelmützen und bestickte Käppchen; verschieden die Sprachen, wenn sie ihre Stammessprachen noch sprächen; verschieden die Schichten, aus denen sie stammen, die Grade der Freiheit und des sozialen Ansehens, die sie besitzen. „Das sind natürlich die Amerikaner!“ sagt ärgerlich der alte französische Schriftsteller, als aus dem Nebenraum lärmende Stimmen herüberdringen. Aber bei den Amerikanern herrscht wieder ein Gefälle zwischen Nordstaatennegern und Südstaatennegern; so bunt ist auch die schwarze Welt.

Die amerikanischen Neger stehen bei diesem Kongreß allerdings am Rande; ihre berühmtesten Schriftsteller, Wright und Patton sind nicht da. Wenn man unter den Zweihundert, die sich hier zusammengefunden haben, das einigende Band finden wollte, müßte man es in der Zugehörigkeit zum französischen Kulturkreis suchen. Die Veranstalter sind die Träger der Zeitschrift „Présence africaine“, Negerdichter und Negerdeputierte aus dem ehemaligen Kolonialreich Frankreichs. Sie leben alle in Paris, wenn sie nicht gerade Ministerfunktionen in den neuentstehenden Staaten haben. Viele von ihnen haben in französischen Gefängnissen gesessen, aber die meisten haben auch an französischen Schulen und Universitäten studiert; daher das unauslöschliche Siegel einer bestimmten Bildung und Haltung. Selbst daß sie „écrivains“ sind, Dichter und Essayisten und Romanverfasser, gehört nach französischem Brauch sozusagen zum politischen Handwerk.

Denn natürlich ist der Kongreß politisch, die Dichter und Maler und Musiker, die in Rom zusammengekommen sind, diskutieren nicht über Fragen der literarischen Technik oder der künstlerischen Weltanschauung, wie man es in Darmstadt machen würde, sondern fassen Resolutionen, die auf Befreiung, Unabhängigkeit, Mitspracherecht, Tilgung der Vorurteile gegen die Farbigen zielen.

Wenn Seine Exzellenz der Botschafter der Republik Haiti Jean Price-Mars, der Präsident des Kongresses, über Paläontologie, Prähistorie und Archäologie spricht, so ist er meilenweit vom Akademismus und der Akribie eines wissenschaftlichen Referats entfernt; es geht ihm um die Aufwertung des Anteils der Neger an der Menschheitsgeschichte.