Einen Antisemitismus nennenswerten Ausmaßes gibt es in der Bundesrepublik nicht. Das öffentliche Bewußtsein wird vielmehr von der aus leidvoller Erfahrung gewonnenen Erkenntnis beherrscht, daß das durch viele Jahre hindurch politisch irregeleitete deutsche Volk viel wieder gutzumachen hat an den Völkern, mit denen es im Laufe seiner jüngsten Geschichte in Konflikt geraten ist. Dies gilt vor allem im Blick auf das Judentum, dem das deutsche Volk nicht nur eine materielle Wiedergutmachung schuldet.

Erscheinungen antisemitischen Charakters, die auch in der deutschen Öffentlichkeit hier-und dort festgestellt werden können, sind in der Regel nicht Ausdruck eines Überzeugungs-Antisemitismus, sondern eher „Trotz-Reaktionen“, die vor allem dort auftreten, wo Menschen infolge der politischen Ereignisse aus ihrer Bahn geworfen worden sind und weder äußerlich noch innerlich wieder Fuß zu fassen vermocht haben.

Die Öffentlichkeit läßt sich leicht durch die Berichterstattung der deutschen Presse über die erwähnten antisemitischen Vorkommnisse irreführen. Aus der relativen Häufigkeit solcher Meldungen und Berichte zieht sie den falschen Schluß, daß der Antisemitismus im deutschen Volk weit verbreitet sei. Richtiger ist aber wohl die Schlußfolgerung, daß die Organe der öffentlichen Meinung mindestens ebenso wachsam die tatsächlichen oder scheinbaren antisemitischen Vorkommnisse in Deutschland verfolgen wie die verantwortlichen Politiker. Eugen Gerstenmaier

Bundestagspräsident