Von Wolfgang Krüger

In der vergangenen Woche hat in Bonn zwischen dem Bundeswirtschaftsminister und führenden Männern des Deutschen Gewerkschaftsbundes ein Gespräch stattgefunden, Gegenstand dieser Unterhaltung waren aktuelle Fragen der Wirtschaftspolitik, insbesondere der Lohn- und Preispolitik, der Außenhandelspolitik (Liberalisierung) und das Thema Entwicklungsländer. Wenn es sich bei diesem Gespräch auch nur um eine der üblichen Routinekonferenzen gehandelt hat, die Professor Erhard in verhältnismäßig regelmäßigem Turnus von Zeit zu Zeit auch mit den Vertretern der Arbeitnehmer abzuhalten pflegt, so muß doch die Bemerkung einiger Gesprächsteilnehmer, daß dieses Mal in einer ausgesprochen freundlichen Atmosphäre und mit bemerkenswerter Aufgeschlossenheit auf beiden Seiten diskutiert wurde, aufmerksam registriert werden.

Auch verschiedene andere Anzeichen deuten darauf hin, daß sich in letzter Zeit in der Einstellung der Gewerkschaften zu dem von der Bundesregierung gesteuerten wirtschaftspolitischen Kurs ein Wandel zu vollziehen beginnt. Wieweit diese Annäherung der Standpunkte auch eine Folge der vor einigen Wochen in Szene gesetzten Auseinandersetzung zwischen einem Teil der Industrie und dem Bundeswirtschaftsminister über einen „ganz neuen Stil“ in der Wirtschaftspolitik ist, mag dahingestellt sein. Immerhin hat dieses Streitgespräch auch der breiteren Öffentlichkeit ins Bewußtsein gebracht, daß die von Prof. Erhard eingeschlagene wirtschaftspolitische Marschroute nicht automatisch mit den Interessen der Unternehmer oder bestimmter Wirtschaftszweige identisch ist.

Wie dem auch sei: festzustellen ist, daß in diesem ersten Jahresviertel die westdeutsche Wirtschaft von der üblichen Frühjahrs-Lohnwelle im großen und ganzen verschont geblieben ist. Eine ganze Reihe von Gewerkschaften hat dieses Mal von der Kündigungsmöglichkeit der Lohnabkomnen keinen Gebrauch gemacht; die meisten Gewerkschaften beschränkten ihre Aktivität auf die Mantel- und Rahmenabkommen, auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Urlaubsregeungen und vor allem auf die Verkürzung der Arbeitszeit.

Auch das hat natürlich, summa summarum, die Wirtschaft eine Menge Geld gekostet; aber die Tatsache, daß diese Verhandlungen und Abschlüsse verhältnismäßig geräuschlos über die Bühne gingen, kann wohl als ein Zeichen dafür angesehen werden, daß die damit verbundenen Kostenbelastungen von der Wirtschaft schmerzloser und elastischer zu verkraften sind als die globale Heraufsetzung der Lohntarife. Die Einführung der Fünftage-Woche im Steinkohlenbergbau in Verbindung mit einer Heraufsetzung der täglichen Schichtzeiten von 7 1/2 auf 8 Stunden – ein Kompromiß, bei dem beide Seiten auf dem Altar der wirtschaftlichen Gegebenheiten ihr Opfer darbrachten – wurde allgemein als ein nachahmenswertes Beispiel für einen besseren Stil in den Auseinandersetzungen der Sozialpartner gefeiert.

Auch in anderer Hinsicht deuten sich die ungefähren Aspekte eines anderen und möglicherweise besseren Stils der Lohnpolitik an. Die IG Metall hat in Bremen den Lohntarif gekündigt. Wie Zu hören ist, will die Metallgewerkschaft bei dieser Gelegenheit – erstmalig in der Bundesrepublik und nach dem Beispiel amerikanischer Gewerkschaften – den Versuch machen, betriebliche Lohntarife durchzuboxen. Als erstes Versuchsobjekt soll eine führende Bremer Automobilfabrik vorgesehen sein.

Das wäre ein Fortschritt zum mindesten insofern, als bei diesem Verfahren wenigstens der Rentabilität als dem letzten Endes entscheidenden Faktor für die ökonomische Tragbarkeit von Lohnerhöhungen Rechnung getragen werden würde. Das Übel der herkömmlichen allgemeinen Lohnabkommen für ganze Branchen besteht ja eben gerade darin, daß dabei keine Rücksicht auf de sehr unterschiedliche Belastungsfähigkeit der einzelnen Betriebe durch Lohnerhöhungen genommen wird.