Die Zuschriften zu meinen in der "Zeit" erschienenen Artikeln stellen verschiedene, zum Teil komplexe Fragen. Ich muß die Redaktion und die Leser um Nachsicht bitten, daß meine Antworten darauf in einigen Fällen zwangsläufig ausführlieh werden.

Was Frau Walter zu monieren hat, verstehe ich nicht; ich will sagen, mir ist nicht klar, was sie an meinen schon in Frankreich und Amerika — damals mit ihrem Beifall — veröffentlichten Reden und Artikeln über Ossietzky nun plötzlich auszusetzen hat. Die wesentlichen dieser Artikel sind in meine 1949 erschienene und bald darauf als unerwünscht vom Kultursekretariat der SED aus dem Verkehr gezogene Bücher "Porträts — Deutsche Schicksale" und dem Essayband "Vom moralischen Gewinn der Niederlage" übernommen worden. Dort mag man sie nachlesen. Ich würde heute, zwei Jahrzehnte nach ihrer Erstveröffentlichung, manches hinzuzufügen wissen, aber ich habe inhaltlich nicht ein Wort von dem zurückzunehmen, was ich damals über Ossietzky sagte und schrieb.

In dem von der ZEIT veröffentlichten Abschnitt aus dem Manuskript meines "Deutschen Tagebuchs" habe ich midi bemüht, darzustellen, wie Frau von Ossietzky selber(der sogar Frau Walter ein Mitspracherecht zugestehen wird), wie ferner alte Weltbühnenmitarbeiter, der politisch und geistig unabhängige Schriftsteller Axel Eggebrecht, der sein Leben lang integre Max Schröder, der vor dem Gefängnistor in Tegel das Hoch auf Ossietzky ausbrachte, der makellose, grundgütige und selbstlose Rudolf Leonhard, dem Frau Walter freundschaftlich zugetan war, der gleichfalls im vornehmsten Sinne nonkonformistische Dr. Falk Harnack und noch manche andere persönliche Bekannte und Freunde Frau Walters (deren Namen ich nicht genannt habe, um sie nicht zu gefährden ) — wie wir alle also zwischen 1947 und 1950 den von heute aus gesehen naiven Versuch unternahmen, Ossietzky aus einseitig verfälschender Inanspruchnahme zu lösen, sein Vermächtnis getreu und unverbrüchlich zu überliefern; und wie wir alle uns dabei die Herzen wundstießen. Ossietzky hat, wie wiederholt von mir zitiert worden ist (selbstverständlich auch in meinen von Frau Walter in Frage gestellten Artikeln und Ansprachen): "nach allen Seiten gekämpft, mehr nach rechts, aber auch nach links Ich will nicht bezweifeln, ja, ich bin überzeugt davon, daß er, wenn er am Leben geblieben wäre, nach 1945 sich in stets zunehmendem Maße gegen das neue Unrecht, die neue Gewaltherrschaft der Funktionärsdiktaturen gewendet hätte. Damals aber war es kein Wunder, daß er, das Opfer des Nationalsozialismus, in allen Antifaschisten mit Einschluß seiner kommunistischen Leidensgefährten (nicht der in Moskau amtierenden Spitzenfunktionäre) seine Verbündeten erkennen mußte.

In seinem geistigen Testament, dem Artikel "Rechenschaft", der am Tage seiner Inhaftierung, dem 10. Mai 1932, in seiner "Weltbühne" erschien, sagte er: "Noch immer bekennt sich mein Verstand zu der heute so verschmähten Demokratie — aber mein Herz folgt unwiderstehlich dem Zuge der proletarischen Massen; nicht dem in Doktrinen eingekapselten Endziel, sondern dem lebendigen Fleisch und Blut der Arbeiterbewegung, ihren Menschen, ihren nach Gerechtigkeit brennenden Seelen " Das hat er nie zurückgenommen. Frau Walter als Rennerin seiner Biographie wird wissen daß es an Versuchen der Machthaber (Goebbels), den für das Regime unbequemen Häftling zum Widerruf zu bewegen, nicht gefehlt hat. Er hätte sich damit die Freiheit erkaufen können. Statt dessen hat er den Opfertod auf sich genommen. Daran soll niemand drehen und deuteln, weder die Funktionäre noch Frau Walter.

Die Redaktion der ZEIT hat in Nr. 12 die Entstehung des Mißgeschicks "Zabern" dargestellt. Da der Verdacht entstanden ist, die Unstimmigkeit gehe auf den " Weltbühnen" Kreis oder gar Ossietzky selber zurück, so muß ich zur Richtigstellung noch einmal ums Wort bitten: mit dem Eingeständnis meiner Schuld, die ich nicht verleugnen, aber erklären darf.

Die telegraphische Aufforderung der Redaktion, Zusammenhänge deutlicher zu erklären, erreichte mich in einem abgeschiedenen Gebirgsdorf. Mein Buch "Deutsche Schicksale", in dem der Vorfall — ohne Namensnennung übrigens — korrekt erwähnt ist, war nicht zur Hand. Der Gedächtnisfehler, den ich zu verantworten habe, unterlief mir: ich glaubte mich zu erinnern, daß ein Zivilist getötet (nicht nur verletzt) worden sei. Dieser Irrtum löste die Kettenreaktion aus, für die ich die Redaktion der ZEIT wie auch die Leser um Vergebung bitten muß. Hinzuzufügen bleibt aber an die Adresse von Siegfried Graf zu Eulenburg auf seine Zuschrift, die in Nummer 13 veröffentlicht wurde, dies: Ich selber war im ersten Weltkrieg als 17jähriger vaterländisch begeisterter Kriegsfreiwilliger Frontsoldat, zuletzt im Vorfeld von Gouzecourt, einer der vier noch überlebenden Männer der 12. Kompanie des Inf Reg. 345 der 87. Inf Div. Das Eiserne Kreuz, das ich mir Ende Juli oder Anfang August 1918 durch Patrouillengänge bei Chateau Thierry erwarb, ist die einzige Auszeichnung, die mir je in meinem ganzen Leben zuteil ward; ich habe sie nie verleugnet. Nichts liegt gerade mir, dem Frontsoldaten des ersten Weltkriegs und späteren Frontoffizier der Internationalen Brigade in Spanien ferner, als irgendeinen braven Soldaten oder Offizier, der für seine Überzeugung — mag sie falsch oder richtig gewesen sein — in den Tod gegangen ist, zu schmähen. Ich möchte nur wünschen, daß diese Selbstverständlichkeit allgemeinverbindlich wäre und ebenso auf den tapferen Friedensstreiter Carl von Ossietzky, die Männer des 20. Juli, die man heute noch hie und da "Verräter" zu schimpfen wagt, aber auch für unzählige christliche, pazifistische, sozialistische und kommunistische deutsche Widerstandskämpfer, Arbeiter wie Intellektuelle, Anwendung fände — auf alle also, die ehrlichen Herzens und in gutem Glauben ihre Existenz, ihre Freiheit oder sogar ihr Leben hingaben. Von den Fragen, die Dr. Sigurd Binski an mich richtet, nehme ich die zweite vorweg, um die Basis für die Beantwortung der ersten zu schaffen, denn man könnte Dr. Binski schwerlich zumuten, ein öffentliches Gespräch mit jemandem zu führen, der, wie er offenbar meint, "eine hohe Stellung im sowjetischen Spionagenetz innegehabt hat", ebensowenig übrigens, wie mir daran gelegen sein kann, ein Gespräch mit jemandem zu beginnen, der diese Absurdität glaubt oder auch nur für möglich hält.

Daß jene infame Verleumdung noch einmal öffentlich zur Sprache kommen würde, war die einzige Überraschung unter all den eingegangenen Zuschriften. Da es nun doch geschehen ist, will ich die Gelegenheit nützen, dieses Musterbeispiel gewissenlosen Rufmordes zu kennzeichnen. Ich erfuhr von der Existenz jenes Buches von Cookridge erst einige Monate nach meiner Flucht. Später habe ich mir das Buch beschafft und gewissermaßen mit der Feuerzange durchblättert, und tatsächlich, da fand sich das von Dr. Binski zitierte famose Sätzlein.