Die Räder des internationalen Presse-Betriebes greifen in den großen Nachrichtenagenturen eng ineinander. Associated Press, United Press International, Reuter – sie liefern auch der deutschen Presse zum großen Teil das Rohmaterial der Nachrichten. Deswegen berührt es die Zeitungsleute auch hierzulande, wenn eine dieser Agenturen in die Abhängigkeit einer Regierung oder einer wirtschaftlichen Interessengruppe zu geraten droht. Der folgende Artikel über die Schwierigkeiten der Agentur Reuters ist in einem Augenblick besonders aktuell, da der Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur, Fritz Sänger, aus seinem Amt scheidet – und das offenbar keineswegs aus freien Stücken.

Fünfzehn Jahre lang hat Sir Christopher Chancellor als Generaldirektor an der Spitze der Weltnachrichtenagentur Reuter gestanden, die ihren Sitz in London hat – am 1. Juli wird er ausscheiden. Er war im letzten Kriege an die Spitze der Agentur berufen worden, als es höchste Zeit schien, die immer enger gewordenen Beziehungen Reuters zur Regierung Großbritanniens wieder zu lösen und das Unternehmen in die Unabhängigkeit zurückzuführen, in der es allein, eine Chance hatte, den Konkurrenzkampf mit den schnell emporwachsenden amerikanischen Nachrichtenagenturen Associated Press und United Press zu bestehen.

Jetzt, da der Mann geht, der in ungewöhnlicher Zeit einen ungewöhnlichen Weg mit großem Erfolg zurücklegte, erhebt sich die Frage: Was (und wer) folgt ihm? Diese Frage geht weit über das Unternehmen Reuters hinaus die Menschen in der freien Welt an, die den ungelenkten Fluß der Nachrichten als Grundlage für die Bildung ihres politischen und wirtschaftlichen Denkens und Wollens brauchen.

Der Gründer der Nachrichtenagentur, Israel Beer Josaphat (geboren am 2. Juli 1816 in Kassel, seit seinem Übertritt zum christlichen Glauben Julius Reuter genannt und später geadelt), hatte in erster Linie nicht ein journalistisches, sondern ein geschäftliches Ziel im Auge, als er 1849 in Paris, im gleichen Jahr in Aachen und 1851 in London Nachrichten zu sammeln und auszugeben begann. Im ersten Weltkrieg gingen die Geschäfte schlecht, und 1916 erwarb eine Gruppe von Finanzleuten die Reuter-Unternehmungen. Der Gründer war als Freiherr von Reuter bereits 1899 gestorben.

Die Nachrichtenagentur Reuter blieb erhalten – wie aber stand es mit dem freien Fluß der objektiven Information? Die Zeiten waren hart, die Amerikaner rücksichtslos, die Franzosen mit ihrer berühmten Agentur Havas hoch angesehen, sehr geschätzt und weit verbreitet, die Deutschen mit Wolff’s Telegraphischem Büro energisch im Vordringen. Der Glanz des Namens Reuter aber wurde matter, und unter den Journalisten aller Sprachen wurden bedenkliche Vorbehalte laut: Reuter kam in den Verdacht, nicht nur eine britische, sondern eine offiziös-britische Agentur zu sein. Als dann der zweite Weltkrieg begann, sagten sich die neutralen Agenturen (in Skandinavien, in der Schweiz und zunächst auch in Holland und Belgien) sogleich von ihren engen Bindungen an Reuter los und schlossen einen Bund untereinander.

Der Krieg und die Erfordernisse der nationalen Verteidigung griffen hart in den Status der Agentur Reuter ein. Aber je härter der Druck wurde, desto klarer setzte sich die Meinung durch, daß man sich wieder aus diesen Banden lösen müsse. Damals wurde Christopher Chancellor gerufen, mit dem Reuter wieder Weltgeltung errang.

In den letzten Monaten jedoch ist nun deutlich ein Absinken der Organisation von Reuter zu erkennen. Im Nahen Osten hat die Agentur – offensichtlich infolge der unglücklichen britischen Politik – seit Jahren stark verloren; erst in diesen Tagen wird berichtet, daß neue Verträge geschlossen worden seien, die den Nachrichtendienst verbessern könnten. Aus Südamerika zog sich Reuters politischer Dienst im Herbst 1958 völlig zurück. In Südafrika hat Reuter keine eigenen Korrespondenten mehr, sondern übernimmt die Meldungen der südafrikanischen SAPA. Die englischen Büros in Belgrad und in Prag wurden 1958 und 1959 geschlossen, und in der Bundesrepublik und anderen europäischen und außereuropäischen Ländern wurden sie verkleinert. Der kostspielige Apparat, so scheint es, zwang zu Einschränkungen. Das Aufsichtsratsmitglied King (Daily Mirror) legte kürzlich sein Mandat nieder, weil der von ihm geforderte Ausbau des Unternehmens nicht verwirklicht werden sollte – oder konnte.