Das Bochumer Theater in Paris

Zuweilen beschweren sich Intendanten, Regisseure, Schauspieler, Verleger, Autoren, Aussteller, Künstler, Dirigenten, Solisten über eine Kritik, die je nach Laune, Temperament und Gelegenheit „negativ“, „zerstörend“, „bösartig“, „voller Ressentiments“, „uninformiert“, „niederträchtig“, oder „anmaßend“ genannt wird.

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Niemand beschwert sich über solche Beschwerden. Solange es bei den Beschwerden bleibt. Davon gleich noch.

Das Pariser Gastspiel des Bochumer Schauspielhauses – Shakespeares „Caesar“ in der Überseezung von Hans Rothe – wurde von Jean-Jacques Gautier, dem Theaterkritiker der einschüchternd respektablen französischen Tageszeitung „Figaro“ mit folgenden Worten „gewürdigt“:

„Nichts ist bei dieser Aufführung ergreifend, nirgendwo ist Gefühl... Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als daß man den Schauspielern eigens beigebracht hat, falsch zu sprechen und sich falsch zu bewegen; denn so völlig falsch kann selbst der schlechteste Komödiant nicht von alleine spielen. Diese Leute gehen über die Bühne wie Automaten, sie gestikulieren wie Tribünenredner, sie deklamieren, daß man es nicht für menschenmöglich halten sollte, und in krankhafter Wut brüllen sie sich heiser... Bei keinem Schauspieler habe ich auch nur die geringste Spur von Aufrichtigkeit entdecken können... Einen einzigen Schrei, der wirklich von Herzen gekommen wäre, hätte ich dieser abstrakten Manifestation von erdrückender Langeweile vorgezogen.“

Nicht darauf kommt es mir an, den Bochumern unter die Nase zu reiben, wie schlecht sie spielen. Ich habe die Aufführung gar nicht gesehen. Vielleicht fände ich sie sogar gut.

Es kommt darauf an zu fragen: Wo und wann haben Sie das letzte Mal eine ähnliche Rezension in einer deutschen Zeitung gelesen? Es kommt darauf an, allen ganz andersartigen Gefühlen zufällig Betroffener einmal diese Beobachtungstatsache deutlich entgegenzustellen: