Von Dr. med. Wilhelm Witten

Die Ärzte von heute, die zum weitaus überwiegenden Teil Kassenpatienten zu behandeln haben, wünschen sich von einer Reform der sozialen Krankenversicherung vor allem, daß die Beziehungen zwischen Patient und Arzt neu geregelt werden. Sie sollten so sein, wie in der Privatpraxis, in der der Arzt nur das Wohl des Patienten im Auge zu haben braucht und nicht zugleich noch das materielle Interesse eines anderen, nämlich der Krankenkasse.

Die Entwicklung in der sozialen Krankenversicherung hat leider dazu geführt, daß der Arzt nicht nur die Gesundheit des Patienten wiederherstellen soll, sondern daß er auch materielle Entscheidungen zu fällen hat. So löst er, verordnet er einem Patienten aus Gründen der Therapie Bettruhe, praktisch gleichzeitig die Krankengeldzahlung aus und berührt damit Interessen der Kasse. Da nach dem heutigen System aber die Krankenkasse der Vertragspartner des Arztes ist und nicht etwa der Kassenpatient, sitzt der Arzt schließlich zwischen zwei Stühlen. Es ist seine Aufgabe, alles zum Nutzen des Patienten zu tun, zugleich soll er aber auch die Interessen des zahlenden Dritten wahrnehmen, was zum Nachteil des Kranken ausschlagen kann. Hier liegt der Kernpunkt des Problems.

Der Privatpatient tritt dem Arzt gegenüber als Einzelpersönlichkeit auf. Nur zwischen ihnen wird festgelegt, was an vorbeugenden oder behandlerischen Maßnahmen notwendig und möglich ist. Der Arzt ist frei in seiner Beratung, nur dem Patienten verpflichtet. Daraus ergibt sich ein sinnvolles Zusammenspiel der Beteiligten. Daß eine solche Regelung auch in der sozialen Krankenversicherung möglich ist, zeigt das Beispiel Frankreichs.

Die einheitlichen Vorschläge aller ärztlichen Organisationen zielen in diese Richtung. Sie empfehlen zunächst eine rechnerische Trennung der Aufwendungen für Krankengeld und Krankenpflege als zwei völlig getrennter Risiken. Dabei wird eine unbegrenzte prozentuale Beteiligung von der jeweiligen Höhe des Einkommens an den Kosten der Krankenpflege gewünscht. Wenn hier das Solidaritätsprinzip gelten soll, muß es auch konsequent durchgeführt werden. Abgesehen von der sachlichen Berechtigung soll damit auch erreicht werden, daß die Bezieher höherer Einkommen, die des Schutzes der Solidargemeinschaft nicht mehr bedürfen, in die für sie dann billigere Privatversicherung überwechseln. Das leidige Problem der unbegrenzten freiwilligen Weiter Versicherung ließe sich so ohne gesetzgeberische Sondermaßnahmen von dem Entschluß des einzelnen her lösen.

Schließlich sollten die Krankenkassen nicht mehr verpflichtet sein, ihren Mitgliedern die ärztliche Behandlung zu „gewähren“ (ihnen also praktisch Ärzte zu stellen), sondern nur noch, die Kosten der Behandlung abzudecken. Das ist möglich, wenn der Patient Schuldner gegenüber dem Arzt wird, die Krankenkasse aber mit befreiender Wirkung für ihn zahlt. Die Krankenkassen können dann wiederum von den Versicherten eine Selbstbeteiligung einziehen.

Dadurch, daß der Versicherungsträger die Kosten der Krankenpflege garantiert und seine Selbstbeteiligung erst nach der Behandlung von seinem Versicherten einzieht, wird die Selbstbeteiligung nicht mehr gesundheitsgefährdend wirken können. Als Form der Selbstbeteiligung halten die Ärzte eine prozentuale Beteiligung an den Krankheitskosten für die gerechteste.