Von Walter Abendroth

Man soll doch vorsichtig sein mit Prognosen, wenn einem Autor einmal ein gutes Buch gelungen ist! Nach dem Roman „Der Andere“ von John Hearne, dem jungen, westindischen Schriftsteller, durfte man glauben, hier „Talent und Substanz“ gepaart vor sich zu haben – eine wertbeständige, zuverlässige Legierung, die nicht so leicht versagt. Jetzt aber liegt sein neues Buch vor uns, und wenn es auch einige Stellen enthält, die immerhin noch Spuren eines Talents erkennen lassen, so ist doch einstweilen die vermutete Substanz durchaus zum Teufel; man sucht sie hier völlig vergebens.

An diesem Unterhaltungsroman dritten Ranges ist nichts weiter mehr bemerkenswert als die Kunstlosigkeit der Mache und die Nichtigkeit des Inhalts. Schon vom Titel an stimmt die Sache nicht:

John Hearne: „Gesichter der Liebe“ (im Original ebenso: „Faces of Love“); R. Piper Verlag, München; 300 S., 15,80 DM.

Von Liebe ist in dem Buch wenig die Rede. Der richtige Titel müßte heißen: „Varianten der sexuellen Hörigkeit.“ Hier und da hat man den Eindruck, John Hearne habe sich durch den Millionenerfolg der Grace Metalious blenden lassen. Die Handlung, sofern von einer solchen überhaupt gesprochen werden kann, ist so dürftig, daß man ihren Ausgang spätestens beim Wiederauftauchen des Gegenspielers der männerfressenden Edelhure Rachel vorhersagen kann. Wären nicht ein paar gut gesehene Naturschilderungen, es lohnte sich nicht, den Schmarren zu Ende zu lesen. Die packende Beschreibung eines Hurrikans erinnert an die dichterische Begabung des Autors und erlaubt, auf Späteres zu hoffen.