Von Lenin stammt der Satz, die „Kette des Weltimperialismus“ könne auch an der Peripherie reißen. Heute stellt sich umgekehrt die Frage: Könnte nicht auch die Kette des Weltkommunismus an der Peripherie brechen?

Kein Zweifel: jener rote Mantel, der über ein Drittel der Erde bedeckt, beginnt an den Säumen auszufransen. Erst war da die Erhebung der Ungarn, aus deren Hauptstadt eben die Nachricht kommt, es seien in einem Massenprozeß wiederum zehn Freiheitskämpfer des magyarischen Oktober zum Tode und fünfundzwanzig zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Dann wandten sich Nassers arabische Nationalisten von Moskau ab, und in Mossul revoltierte der Oberst Schawaf gegen die Pro- und Kryptokommunisten der Regierung Kassem. Zur gleichen Zeit, da der Kreml die Parteiführung der Sowjetrepublik Usbekistan mit eisernen Besen auskehrte, weil sie sich gegen die Überhandnähme des großrussischen Einflusses gewehrt hatte, erhob sich das unterdrückte Tibet.

In den südwestlichen Grenzprovinzen Chinas sind ebenfalls Aufstände ausgebrochen: in Yünnan, in Sikang und in Tsinghai. Und auf dem Dach der Welt kämpfen nach Pekinger Eingeständnis auch Chinesen Schulter an Schulter mit den Chamba- und Mönchskriegern gegen das rote Regime.

Nun ist soviel sicher: Bruch an der Peripherie heißt noch lange nicht Auflösung im Zentrum. Kein Mensch bricht zusammen, nur weil sein Gewand schäbig geworden ist. Auch das kommunistische System wird nicht zerfallen, weil seine Säume ausfransen. Aber daß das ideologische Mäntelchen fadenscheinig wird, das wird doch manchem die Augen öffnen – manchem Asiaten zumal.

Die Lektion der ungarischen Erhebung und ihrer brutalen Niederschlagung, die im Westen auch dem letzten „Fortschrittsgläubigen“ seine Illusionen über das Wesen kommunistischer Machtpolitik raubte – diese Lektion hat ja in Asien meinen sonderlich tiefen Eindruck gemacht Mit der räumlichen Entfernung des Demonstrationsobjektes wächst eben auch die Wirkungslosigkeit der Belehrung – und Ungarn war weit. Tibet indessen liegt nahe. Und Tibet ist schon der zweite Schock binnen eines halben Jahres.

Den ersten erlebte Asien, als Peking die Bildung der Volkskommunen dekretierte und mit ücksichtsloser Gewalt ins Werk setzte. Damals ging zwischen Kairo und Tokio vielen auf, daß Kommunismus Unterdrückung im Innern heißt. Nach der chinesischen Tibet-Aktion dämmert nun die neue Erkenntnis, daß Kommunismus auch Imperialismus nach außen bedeutet. Viele Asiaten werden seitdem diese Sätze Lenins in ganz neuem Lichte lesen: „Die Menschen waren in der Politik immer die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug, und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter allen möglichen moralischen, religiösen, politischen und sozialen Phasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu finden.“ Diese Sätze sind geradezu eine Gebrauchsanweisung für die Entlarvung jener kommunistischen Politik, der Asiens Staatsmänner bislang noch immer gern das Benefiz des Zweifels einräumten.

„Wir Völker in den asiatischen und afrikanischen Ländern teilen das gleiche Schicksal und die gleichen Wünsche“, hatte Tschu En-lai 1955 auf der Bandung-Konferenz erklärt. Das Schicksal Tibets allerdings möchte keine der unabhängigen Nationen Asiens teilen. Die berühmten fünf Prinzipien von Bandung sind also heute für Peking ziemlich wertlos geworden: sie beeindrucken nur noch wenige. Der plötzliche Einblick in die Praxis des Groß-Han-Chauvinismus, in die großchinesische Unterdrückung der vielen Minderheitsgruppen innerhalb Rotchinas, hat ernüchternd gewirkt. Überall in Asien ist die Klage zu hören, Peking habe den Geist von Bandung verletzt. „Daß Asiaten Asiaten mit Stiefeln treten, ist keineswegs ein erfreuliches Bild“, schrieb eine führende indonesische Zeitung...