Neun Oscars für „Gigi“ Hotel der gebrochenen Herzen

Beim Betrachten von Filmen, die nach den Werken bedeutender Autoren entstanden sind, ist es nicht klug, die Vergleiche zu weit zu treiben. Wenn man von der Wahrscheinlichkeit absieht, daß sehr viele Leute, die die Filme sehen, von den Büchern, die ihnen zugrundeliegen, vielleicht noch nie gehört haben, so bleiben auch alle Vergleiche zwischen dem Buch und „dem Film nach dem Buch“ unfruchtbar. Ein Buch ist ein Buch und ein Film ist ein Film. Immerhin kann aus einem guten Buch nie ein ganz schlechter Film werden, eher aus einem schlechten Buch ein guter Film.

Bei dem Stoffmangel greift der Film neuerdings immer mehr auf Bücher zurück, und er sei gepriesen, wenn er auf hervorragende Literaturwerke zurückkommt. Der Ansicht scheint auch die Akademie für Filmkunst und Wissenschaft in Hollywood zu sein, denn sie zeichnete in diesem Jahr den Film „Gigi“ nach Colettes gleichnamigem Roman mit neun Oscars aus (bester Film des Jahres, beste künstlerische Leitung, bester Schlager und Schnitt, beste Musik, Regie, Kameraführung, Ausstattung, bestes Drehbuch nach einem literarischen Stoff) und ernannte David Niven für seine Hauptrolle in dem Film „Getrennt von Tisch und Bett“ (Separate Tables) nach dem Bühnenstück des Engländers Terence Rattigan zum besten Schauspieler. Nur ein Film, „Vom Winde verweht“, wurde vor zwanzig Jahren sogar zehnmal mit dem goldenen Symbol des Ruhmes bedacht, dem begehrten Hollywooder Preis, der 1927 gestiftet wurde. Eine Sekretärin der Akademie übrigens fand nach vier Jahren den Namen, weil die Statuette sie an „ihren Onkel Oscar“ erinnerte.

Daß nun „Gigi“ gleich neunmal preisgekrönt wurde, überraschte nicht nur in Amerika. Durch ein Team, das auch für den Erfolg von „My Fair Lady“ verantwortlich war (Regie: Vincente Minnelli) wurde Colettes Buch zu einem Musical, das um die Jahrhundertwende in Paris spielt. Alan J. Lerner und Frederick Loewe sind für Text und Musik verantwortlich. Cecil Beaton stattete den Film aus. Es wurde eine Schau daraus, die das Auge entzückt, ein Wohllaut, der leicht ins Ohr geht, eine Freude, eine Wonne. Mit der Französin Leslie Caron als Gigi und Maurice Chevalier als Chansonsänger ohne Alter, der hier so gut ist wie vor dreißig Jahren. (Er erhielt einen Sonderpreis dafür). Der Film ist mit großem Aufwand gemacht und quillt über von französischem „Charme“, wie ihn Hollywood versteht; seit „Ein Amerikaner in Paris“ nichts Neues. Das Französische verliert zwar an Nuancen, und hier auch viel von Colettes geistvoller Pikanterie, doch die Sache gewinnt naive amerikanische Heiterkeit. Der Film ist besser, als mancher vielleicht erwartet hat, und er bringt in Stimmung. Offensichtlich auch ein Preiskomitee.

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David Niven, den wir als Weltreisenden in dem Super-Todd-AO-Film „In 80 Tagen um die Welt“ kennen, erhält die Auszeichnung für seine klug bis in jede Feinheit durchdachte Rolle eines in Konventionen erstarrten Majors, unter denen er seine gehemmte Natur verbirgt. Der Film nach Terence Rattigans Bühnenstück „An Einzeltischen“, der so sinnentstellend eingedeutscht plump „Getrennt von Tisch und Bett“ heißt, lebt fast nur vom Wort und von der Ausstrahlung der Schauspieler, wie schon zwei andere bannende Werke aus jüngster Zeit: „Der Gefangene“ (mit Alec Guinness) und „Die zwölf Geschworenen“. Er ist wider alle Filmgesetze entstanden, mit karger Kamerahilfe und spielt die ganze Zeit an ein und demselben Ort. Er lief eben jetzt in Hamburg, „Kurbel am Jungfernstieg“, an. (Hecht und Lancaster-Produktion United Artists). Regie: Delbert Mann.

Schauplatz ist ein graues Familienhotel im englischen Seebad Bournemouth. Man merkt es dem Film an, daß er aus zwei Teilen, die auf der Bühne hintereinander gespielt werden, zusammengesetzt ist. Die Geschichten dieser Wintergäste, die hier mit großer Geduld auf das Ende ihres Lebens warten oder sich hierherflüchteten, weil sie an Lebensangst und Einsamkeit kranken, wären nicht sonderlich packend – wenn nicht die vier Hauptakteure, aber auch alle anderen Mitspieler durch die Faszination, die von ihnen ausgeht, die Anteilnahme für die Figuren erwecken würden, die sie darstellen. Die Engländerin Wendy Hiller, die eine tüchtige und tapfere Hotelleiterin spielt, erhielt einen Oscar für die beste Nebenrolle. Auch die Behutsamkeit und Fairneß, mit der hier Menschen miteinander umzugehen versuchen, erweckt Interesse.

Es ist nicht ohne Reiz und Witz, wie der angebliche Major, der mit Kriegstaten renommiert, obwohl er in der Etappe saß, und in dunklen Kinos Frauen belästigt, weil er auch im Privatleben kein Held ist und an der modernen Krankheit der Kontaktarmut leidet, sich scheu und ergeben einem gehemmten kranken Mädchen nähert, das von einer Mutter viktorianischer Statur beherrscht wird. Deborah Kerr kriecht mit bewundernswerter Selbstentäußerung in die Haut dieses zitternden späten Mädchens, und David Niven zeigt mit viel komödiantischer Bravour in linkischen Gesten und nervösen Blicken und (synchronisierten) Tönen Verwirrung und Schäbigkeit, Scham und Scheu. Die beiden anderen Partner dieses Zusammensetzspiels scheinen in die Atmosphäre der Mittelstandsmoral hineingeschleudert wie Paradiesvögel: Bart Lancaster als Schriftsteller, der sich durch eine Frau aus der Bahn werfen ließ und sich dem Trünke ergab, und Rita Hayworth als eben diese geschiedene Frau, die verlorene Schönheit und Jugend durch Make-up und Drogen zu verheimlichen sucht. Rita – attraktiv sie selbst, das Ewigweibliche aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Wer will, kann sich, trotz unbeweglicher Kamera, einbilden, etwas von dem beklemmenden Grau englischer Seebäder im Winter gesehen zu haben, so sehr gerät der Betrachter in den hypnotischen Sog dieses intelligenten Spiels. Erika Müller