Von Dieter E. Zimmer

Die erste Frage, die jede Dichtung herausfordert, ist die: Wie sind die Ansprüche erfüllt, die sie selbst stellt? Den ersten, ehrgeizigen Roman der sechsunddreißigjährigen Berlinerin

Ingeborg Drewitz: „Der Anstoß“; Carl Schünemann Verlag, Bremen; 242 S., 13,80 DM,

würde man gern in die höchsten Bereiche literarischer Hierarchie einstufen, denn er versucht, komplizierteste Fragen der modernen Existenz künstlerisch zu bewältigen – alle zusammenklingend in der Grundfrage: Bin ich meines Bruders Hüter? Aber er löst seine Aufgabe nicht.

Nur eine tour de force, wie sie Ingeborg Drewitz nicht zu leisten vermag, könnte derartige Ansprüche in dieser zwar denkerisch beschwerten, aber doch trivialen Kriminalgeschichte verwirklichen. Der Roman schwitzt vor Anstrengung, etwas Bedeutsames zu sagen.

Ein Mann wirft sich vor einen Zug – in einer deutschen Großstadt, in der man leicht Berlin erkennt, auch wenn es anonym bleibt (wohl um den lästigen politischen Assoziationen aus dem Wege zu gehen). Der Roman geht den Gründen dieses Scheiterns nach, und so bleibt der Tote eigentlich seine Hauptfigur. Er hatte leben wollen, als sähe Gott zu, aber sein eigenes Leben konnte er nicht freihalten von höllischen Unreinheiten, und in Zweifeln an Gott ging er zugrunde.

Sein Selbstmord wird zum „Anstoß“, ähnlich wie bei Camus der Selbstmord eines Pariser Mädchens Anstoß für den „Fall“ wurde – aber Anstoß zu welcher Entwicklung bei dem französischen Dichter! Hier haben die Folgen dagegen kleineres Format: Zwei Ehen gehen fast in die Brüche, als der Selbstmord in einer Kettenreaktion für vier Menschen Unbehagen an der „Siebentageordnung“ des Lebens auslöst und mindestens zwei von ihnen zu einer authentischeren, verantwortlicheren Lebensweise bringt.