Bonn, im April

Vieles wird anders werden – nun, da Konrad Adenauer aus dem Palais Schaumburg in die Villa Hammerschmidt umziehen will. Denn nun wird die Klammer, die die Regierungspartei zusammenhält, ganz gelöst, nicht nur vorübergehend ein wenig gelockert werden, wie bei jenem Stuttgarter Parteitag, als es dem Kanzler gelang, eine Schlappe schließlich doch wieder in einen Sieg umzuwandeln.

Damals in Stuttgart war es zu einer ersten kleinen Revolte gegen den Parteivorsitzenden gekommen. Gegen den Willen Adenauers wurde Karl Arnold als vierter Stellvertreter des Vorsitzenden an die Parteispitze geholt. Zunächst galt das als ein beachtlicher Erfolg der aufbegehrenden Gruppe unter Dufhues. Folgen dieses "Sieges" waren freilich kaum zu spüren. Allmählich verstärkte sich der Eindruck: Adenauer verleibte sich Karl Arnold politisch ein, ohne daß Arnold (dem von ihm schließlich heftig verleugneten) "linken" Flügel der CDU erkennbare Dienste geleistet hätte. Das lag nicht an der Schwäche Arnolds, sondern an der Stärke Adenauers.

Zwar hat die Bundestagsfraktion Adenauer – zumal im dritten Bundestag – schon manche Schlappe beigebracht. Sie distanzierte sich von ihm, als er Herbert Wehner von dem Vorsitz des Gesamtdeutschen Ausschusses entfernen wollte, und sie versagte ihm die Gefolgschaft, als er Professor Erhard aus dem Bundeswirtschaftsministerium in die Villa Hammerschmidt verpflanzen wollte. Das waren bemerkenswerte Zeichen eines früher nicht so deutlich erkennbaren Willens zur Eigenständigkeit. Hier und da begehrten die Jüngeren gegen den starken alten Mann auf. Aber nur selten hatte solches Aufbegehren Erfolg.

Wie seit Jahren ist Adenauer bis heute die eherne Klammer geblieben, die die unterschiedlichen Interessentengruppen in der Partei zusammenhält. Hat das Palais Schaumburg gesprochen, dann ist die Sache im benachbarten Bundestag in der Regel entschieden. Viele hatten diese Erfahrung so oft gemacht, daß sie sich längst mit dem Zustand des Schließlich-Gehorchen-Müssens abgefunden hatten und schon lange keine Gedanken mehr verfochten, von denen sie nicht wußten, ob sie im Palais Schaumburg gebilligt würden.

Eine solche – hemmende oder beflügelnde – höchste Autorität aber, die Partei und Fraktion gleichermaßen anerkennen, wird die CDU in Zukunft weder im Kanzleramt noch im Parteivorsitz haben. Man wird ja nicht bei jeder Gelegenheit nach Rhöndorf fahren können, um dort die letzte Entscheidung herbeizuführen. Der Bundespräsident soll zwischen und über den Parteien stehen.

Um noch einmal auf das Stuttgarter Beispiel zurückzukommen: Unter einem Parteivorsitzenden Krone, diesem ehrenwerten und redlich um vernünftige Kompromisse bemühten, aber eben nicht so eisenharten Mann wie Adenauer, hätte die Wahl Karl Arnolds zum vierten Parteivorsitzenden vermutlich andere Wirkungen gehabt.