Von Wolfgang Leonhard

Meine erste Erinnerung an Chruschtschow geht auf das Jahr 1937 zurück. Am 30. Januar 1937 wurden wir „älteren“ – das heißt alle, die über 14 Jahre alt waren – im Moskauer Kinderheim Nr. 6 zusammengerufen. An diesem Tage war gerade der erste große Prozeß gegen die Trotzkisten beendet. Wir sollten als geschlossene Gruppe zu einer Massenversammlung auf den Roten Platz gehen.

Dort war alles überfüllt. Mehr als hunderttausend Menschen waren anwesend, von überallher ertönten Lautsprecher. Der Redner war Nikita Chruschtschow: „Diese niederträchtigen Nullen wollten die Einheit der Partei und der Sowjetmacht zerschlagen“, wetterte Chruschtschow. Damals wollte es mir überhaupt nicht in den Kopf, wie es möglich sei, daß „Nullen“ eine riesige Partei zerschlagen könnten. „Sie hoben ihre meuchlerische Hand gegen den Genossen Stalin“, rief Chruschtschow und beendete seine Rede dann mit den Worten: „Stalin – unsere Hoffnung, Stalin – unsere Erwartung, Stalin – der Leuchtturm der fortschrittlichen und progressiven Menschheit, Stalin – unser Banner, Stalin – unser Wille, Stalin – unser Sieg.“

Als Chruschtschow diese Worte sprach, war er uns Jugendlichen als Parteisekretär von Moskau schon gut bekannt. Chruschtschow war 1937 43 Jahre alt. Am 16. April 1894 als Sohn eines Bergarbeiters in Kalinow bei Kursk geboren, war er 1918 der Partei beigetreten, hatte in den zwanziger Jahren zunächst die Rabfak (Arbeiterfakultät) in Kiew besucht und war anschließend zum Studium in die Promakademija, die Industrie-Akademie, nach Moskau entsandt worden. Im Januar 1931 wurde Chruschtschow Sekretär des Baumann-Bezirks und anschließend des Bezirks Krassnaja-Pressnja in Moskau, ein Jahr später Zweiter Sekretär des Moskauer Stadtkomitees der Partei.

Sein damaliger Vorgesetzter war der heutige „Parteifeind“ Kaganowitsch. Im Januar 1934 zum Mitglied des Zentralkomitees ernannt, erhielt Chruschtschow im März 1935 seinen ersten entscheidenden Parteiposten: Er wurde Erster Sekretär der Moskauer Parteiorganisation. Die Prawda veröffentlichte sein Bild und charakterisierte ihn als „hervorragenden Vertreter der von Stalin erzogenen Nach-Oktober-Generation der Parteiarbeiter“.

Fast drei Jahre, von 1936 bis 1938, stand Chruschtschow an der Spitze der Moskauer Parteiorganisation. Es waren die Jahre der großen Säuberung, erst als diese ihrem Ende entgegenging, im Januar 1938, wurde er zum Parteisekretär der Ukraine ernannt. Die Umbesetzung wurde damals kaum bemerkt. Inmitten der riesigen Verhaftungswelle hatten die Menschen andere Sorgen.

Erst Ende 1949 wurde Chruschtschow aus der Ukraine nach Moskau berufen und erneut zum Ersten Parteisekretär Moskaus ernannt, gleichzeitig aber auch in das ZK-Sekretariat der KPdSU berufen. Da er bereits seit 1939 Vollmitglied des Parteibüros war, gehörte er nunmehr beiden führenden Parteigremien – dem Politbüro und dem ZK-Sekretariat – gleichzeitig an. Eine Machtstellung, die außer ihm damals nur Salin und Malenkow aufzuweisen hatten.