Bald darauf wurde Chruschtschows weiterer Machtaufstieg unterbrochen. Es war im März 1951. Nikita Chruschtschow war damals in der Parteiführung für Fragen der Landwirtschaft verantwortlich. Im Frühjahr 1950 hatte die "Verschmelzung der Kolchose" begonnen. Chruschtschow propagierte sie am eifrigsten und schlug in einem Prawda- Artikel vom 4. März 1951 vor, das bis dahin bestehende private Hofland der Bauern von 0,5 ha auf 0,1 ha zu begrenzen und an Stelle der Einfamilienhäuser der Kolchosbauern Siedlungen zu errichten, in denen die Kollektivbauern gemeinsam wohnen sollten; Agrostadte sollten sie heißen. Am 5. März 1951 aber veröffentlich die Prawda eine kurze Notiz, in der sie von Chruschtschows Vorschlag abrückte. Erst kurz vor Stalins Tod, auf dem 19. Parteitag im Oktober 1952, trat er wieder mit einer Rede über parteiorganisatorische Fragen vor die Öffentlichkeit.

Als Stalin am 5. März 1953 starb, war Chruschtschow zwar Vorsitzender des Komitees für die Beisetzung Stalins, aber die Trauerreden wurden von den heutigen "Parteifeinden" Malenkow, Berija und Molotow gehalten. In der Rangliste der Führer dürfte Chruschtschow zu jener Zeit an fünfter oder sechster Stelle gestanden haben. Seine eigentliche Karriere begann erst nach Stalins Tod.

*

Der Machtaufstieg Chruschtschows von 1953 bis 1959 hat mit dem Stalins in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger Jahre vieles gemeinsam. So wie Stalin ist Chruschtschow aus dem Parteiapparat hervorgegangen. Er wurde durch ihn geformt und hat mit seiner Hilfe die höchste Spitze der Macht erklommen. Für beide, für Chruschtschow und für Stalin, begann der Aufstieg durch das ZK-Sekretariat.

Stalin war am 4. April 1922 zum Ersten Sekretär (damals hieß er Generalsekretär) ernannt worden. Das ZK-Sekretariat, ursprünglich als Hilfsmittel des Politbüros gedacht, wurde von Stalin schnell zu einem machtvollen Instrument ausgebaut. Bereits wenige Monate später unterstanden dem ZK-Sekretariat 15 000 Parteifunktionäre. Die in der Lenin-Ära bestehende Autonomie der örtlichen Parteiorganisationen wurde schnell abgebaut. Alle Parteifunktionäre wurden nun von dem unter Stalins Leitung stehenden ZK-Sekretariat eingesetzt. Ergebenheit und Disziplin waren das Entscheidende.

So schuf sich Stalin damals hinter dem Rücken des Politbüros, in dem zu jener Zeit neben Lenin noch dessen Anhänger: Trotzki, Bucharin, Rykow, Tomsky, Sinowjew und Kamenew saßen, seine eigene unabhängige Machtstellung. Während diese politisch-theoretische Auseinandersetzungen führten, interessierte sich Stalin nur für den Apparat, für die Beförderung der ihm freuen Funktionäre. Als er auf dem 14. Parteikongreß im Dezember 1925 die absolute Mehrheit der Parteidelegierten und der ZK-Mitglieder hinter sich hatte, begann die "Säuberung" des Politbüros. Von 1926–1929 wurden Trotzki, Sinowjew, Kamenew, Bucharin‚ Rykow, und Tomsky aus dem Politbüro entfernt. Ihre Plätze nahmen Stalins Anhänger ein – Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Kalinin und Ordshonikidse.

Die Parallele ist verblüffend. Nikita Chruschtschow, der sich laut Beschluß nach Stalins Tod "auf die Arbeit des Apparates im Zentralkomitee konzentrieren sollte", wurde im September 1953 zum Ersten Sekretär der Partei ernannt und stützte sich – wie Stalin – auf die neuen, jüngeren Provinzfunktionäre, die er schrittweise in das ZK-Sekretariat einbaute: Aristow, Beljajew und Schepilow im Juli 1955, Breschnjow, Für zewa und Pospelow nach dem 20. Parteitag im Februar 1956. Eineinhalb Jahr später, im Juli 1957, gelang es dann Chruschtschow, das Parteipräsidium zu erobern.