Molotow, Malenkow, Kaganowitsch wurden unter schweren Anschuldigungen aus dem Parteipräsidium entfernt, die Wirtschaftsführer Saburow und Perwuchin degradiert und Chruschtschows neue Garde, Aristow, Beljajew, Breschnjow, Ignatow, Furzewa, später auch noch Muchitdinow, zogen in das Parteipräsidium ein. Nun hatte Chruschtschow eine sichere Mehrheit. Seine Gegner waren ausgeschaltet, er mußte nur noch mit den "Schwankenden" abrechnen: Im Frühjahr 1958 stürzte Bulganin, im November 1958 wurde er zum "Parteifeind" erklärt, und auf dem 21. Parteitag, im Januar 1959, wurden auch die Wirtschaftsführer Saburow und Perwuchin nachträglich in die "parteifeindliche Gruppe" einrangiert.

Aber weder für Stalin noch für Chruschtschow verlief der Weg zur Macht einfach und glatt. Beide hatten schwere Hindernisse und große Niederlagen zu überwinden, die sich tief in ihre Erinnerung eingruben. Über Stalin hing das Damoklesschwert von Lenins Testament. Lenin hatte eine keineswegs schmeichelhafte Darstellung von Stalin gegeben. Es hieß, dieser habe "eine gewaltige Machtin seinen Händenvereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen". Am 4. Januar 1923, in einem Nachtrag, erklärte Lenin, Stalin sei "rücksichtslos", und dies wäre "ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs". Anschließend forderte Lenin, "einen Weg zu finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen", und ihn durch einen Parteiführer zu ersetzen, der "geduldiger, loyaler, höflicher" ist.

Im Mai 1924 kamen dann für Stalin die schwersten Stunden seines Lebens. Auf einer Plenarsitzung des Zentralkomitees verlas Kamenew das Leninsche Testament und stellte die Frage, ob dieses in der Presse veröffentlicht werden sollte. Bajanow, ein ehemaliger Sekretär Stalins, der an der Sitzung teilnahm, beschreibt die Szene:

"Tödliche Verlegenheit lähmte alle, die anwesend waren. Stalin, der auf der Treppe zur Rednertribüne saß, sah klein und häßlich aus. Ich beobachtete ihn genau. Trotz seiner Selbstbeherrschung und der von ihm zur Schau getragenen Ruhe war es offenkundig, daß er fühlte, wie sein Schicksal auf des Messers Schneide stand."

"An diesem für ihn so kritischen Punkt", fährt die Beschreibung fort, "wurde Stalin durch Sinowjew gerettet: ‚Genossen!‘ rief er, ‚jedes Wort von lljitsch ist für uns Gesetz ... Wir haben geschworen, alles zu erfüllen, was uns der sterbende lljitsch hieß. Ihr wißt genau, daß wir unser Gelöbnis halten müssen. Aber wir dürfen glücklicherweise feststellen, daß sich die Befürchtungen Lenins in einem Punkt als grundlos erwiesen haben. Ich habe die Stelle im Auge, an der er von unserem Generalsekretär spricht. Ihr könnt alle bezeugen, wie harmonisch wir in den letzten Monaten zusammengearbeitet haben. Genau wie ich, so werdet ihr alle glücklich sein, wenn ihr feststellen dürft, daß Lenins Befürchtungen unbegründet sind‘.

Dann sprach Kamenew, der das Zentralkomitee beschwor, man solle Stalin im Amte lassen. Wenn man aber so verfahren wolle, dann könne man natürlich auch das Testament Lenins nicht bekanntgeben.

Frau Krupskaja protestierte gegen die Unterdrückung des Testaments ihre Mannes. Sie hatte keinen Erfolg..."