Gedenkfeier in Bergen-Belsen – Ein Konzentrationslager nach 14 Jahren

Ben, Sehen Vierzehn Jahre sind seit dem Tage vergangen; an dem das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit wurde. Am Sonntag veranstaltete der Zentralrat der Juden in Deutschland aus diesem Anlaß eine Gedenkfeier. Um halb zwölf Uhr mittags versammelten sich vor dem internationalen Denkmal über fünfhundert Menschen, hauptsächlich Leidtragende und Überlebende. Viele Frauen waren darunter. Den Gebeten der Geistlichen folgten zahlreiche Ansprachen. Mahnungen wurden in das Mikrophon gerufen und die Frage nach der Schuld gestellt – an der wir teilhaben, wie der stellvertretende niedersächsische Ministerpräsident Kopf erklärte. Die Stunde der Befreiung ward heraufbeschworen und erörtert, was geschehen ist und was versäumt wurde seit jener Stunde.

Der Wind trug die Worte weit mit sich fort und rüttelte an den Lautsprechern. In den Membranen knackte es, als ob ein Gewitter losbrechen wollte. Dann wurden die Kränze niedergelegt. Vor das jüdische Mahnmal stellte sich zum Schluß J. Rosensaft, ein von den Nazis besonders schwer Mißhandelter. Er hielt keine wohlabgewogene Rede: Er klagte an. Er sah nicht die Gedenkstätte mit den gepflegten Massengräbern und dem erneuerten Obelisken. Er sah wieder Baracken und die Hungernden und die Sterbenden und die zehntausend unbestatteten Leichen, sah die sechs Millionen Toten seines Volkes, Der Wind peitschte Regen über die Denkmäler und Gräber. Und einige Hände hielten die Kränze fest.

Ich ging, hinter dem Wagen des stellvertretenden Ministerpräsidenten zurück. Nur an besonderen Feiertagen dürfen Autos bis an das Mahnmal fahren. Sonst parken sie vor dem Eingang, wo früher die Lagerleitung war und die Bar für die SS und das Effektenlager mit den abgenommenen Wertsachen. Achttausend Häftlinge hätten in dem Lager Platz gehabt, aber 40 000 waren da, als die Befreiung kam. Und nach der Befreiung starben noch einmal 9000, weil ihnen Arzneien und Lebensmittel fehlten und sie die Kraft zum Überleben nicht mehr aufbrachten. Von den 40 000 waren 25 000 Frauen, Mädchen und Kinder. Jüdinnen waren, die meisten. Zweiundzwanzigtausend Tote ruhen in den Massengräbern.

‚Und wo sind die anderen?“ fragte mich ein Main. „Die anderen, die in dem Krematorium eingeäschert worden sind, bevor die Engländer einmarschierten? Und war das Krematorium nicht viel zu klein?“

Was nicht ins Krematorium ging, Wurde aufgestapelt und mit Benzin übergössen. Im Laufschritt schleppten die Häftlinge ihre toten Kameraden auf große Haufen. Dazu erklangen Walzer von Strauß. Das befahl die SS, und die Walzer spielten Zigeuner. Wer sich weigerte, wurde einfach mit auf einen Haufen gepackt...

Der Mann wollte wissen, an welchen Stellen man denn die Asche der Verbrannten beigesetzt hätte. Ich sagte: „Wo es gerade paßte.“ Das ganze Lager ist ein riesiges Grab, und wenn es im Sommer trocken ist, kann man manchmal noch sehen, was in den Sandboden verscharrt worden ist,