Die Macht der Institution hängt nicht daran, daß sie voll ausgeschöpft wird

Die Stellung, die Aufgabe und die Arbeit des Bundespräsidenten wird in der deutschen Öffentlichkeit und damit auch in der internationalen Öffentlichkeit zu gering eingeschätzt. Sie ist viel größer als man schlechthin glaubt.“ Mit diesen beiden lapidaren Sätzen erläuterte Konrad Adenauer am 8. April den deutschen Rundfunkhörern seinen Entschluß, die Kandidatur für die Bundespräsidentschaft anzunehmen.

Eines wurde denen, die am Lautsprecher diesen Worten lauschten, sogleich klar: daß da nicht nur eine hohe Meinung vom Amt des Staatsoberhaupts bekundet wurde, sondern auch der Wille, die Rechte dieses Amtes bis an die Grenze des verfassungsrechtlich Zulässigen wahrzunehmen. Es war die Visitenkarte eines „starken“ Präsidenten, die da abgegeben wurde. Aber, so mochten sich manche Hellhörigen fragen, kam darin nicht am Ende auch eine gewisse (sicherlich unbewußte) Geringschätzung des Mannes zum Ausdruck, der in den ersten zehn Jahren an der Spitze der Bundesrepublik stand und der offenbar doch von diesen Rechten so wenig – und so unauffälligen Gebrauch gemacht hat?

Kein Grund zur Geringschätzung

Nun, über den Eifer derer, die sich jetzt eilends aufs Grundgesetz und auf die Kommentare der Verfassungsrechtler stürzen, um die ganze Fülle der bisher ungenutzten präsidialen Vollmachten und Prärogativen auszuloten, dürfte Theodor Heuss nachsichtig lächeln. Und er hätte alles Recht dazu. Denn er hat nicht den geringsten Grund, seine Leistung seit 1949 etwa deshalb geringer einzuschätzen, weil er etwa nicht alle Möglichkeiten wahrgenommen und nicht alle Einflußquellen ausgeschöpft hat, die ihm die konstitutionellen Texte darboten. Kein Zweifel: ein anderer hätte an seiner Stelle aus der Staatsspitze etwas anderes gemacht. Aber wäre das unbedingt mehr gewesen?

In den Aufsätzen und Kommentaren, die vor wenigen Monaten zum 75. Geburtstag des Bundespräsidenten erschienen, haben Kundige gelegentlich auch daran erinnert, daß Theodor Heuss in aller Stille und abseits jeder öffentlichen Diskussion viel öfter und viel nachdrücklicher ins politische Leben der Bundesrepublik eingegriffen und hineingewirkt hat, als dies dem Uneingeweihten sichtbar wurde. Beispiele dafür? Etwa das Veto, das aus der Villa Hammerschmidt gegen den Anwärter auf einen Kabinettsposten erging und dem sich auch der Bundeskanzler zu beugen hatte. Und manche andern nicht minder folgenreichen Interventionen ins Staats- und Amtsgetriebe sind bisher nur deshalb unbekannt geblieben, weil die diskrete Behutsamkeit, mit der sie vorgenommen wurden, jede Publizität – selbst die des Klatsches – ausschloß.

Und doch werden alle diese Vorgänge, so wichtig sie einmal als Präzedenzfälle werden mögen, kaum an das Wesentliche der Präsidentschaft Heuss rühren. Dieses Wesentliche läßt sich in dem Worte „Repräsentation“ zusammenfassen. Freilich ist das ein überaus mißverständliches Wort, wenn es auf einen Mann angewandt wird, der zeitlebens dem „repräsentativen“ Stil bürgerlicher Konvention so abhold blieb wie Heuss, ein Mann, der keinerlei Organ für Trara, für Klingklang und Gloria oder für gestelzte Würde hat.