Vor hundert Jahren starb Alexis de Tocqueville

Von Siegfried Landshut

Der große französische Staatsdenker Tocqueville ist der erste gewesen, der mit scharfem Blick die politischen und soziologischen Bedingungen der auf dem Prinzip der Gleichheit basierenden Massendemokratie analysiert hat. Was er vor über hundert Jahren als Entwicklungstendenz erkannte, ist heute allenthalben Wirklichkeit geworden. Wir haben einen bedeutenden deutschen Tocqueville-Kenner, Professor Siegfried Landshut, gebeten, der ZEIT einen Abriß vom Gedankengebäude dieses Mannes zu zeichnen.

Die hundertste Wiederkehr des Todestages von Alexis de Tocqueville am 16. April wurde ebenso wie schon sein hundertfünfzigster Geburtstag (am 29. Juni 1955) zu einem öffentlichen Anlaß, die Bedeutung seiner Gedanken, aber auch den Zauber seiner Persönlichkeit zu vergegenwärtigen. Diese Tatsache spricht es selbst schon aus, wie nahe uns sein Geist in dieser Zeit und in dem heutigen Stand unseres Selbstbewußtseins wieder gerückt ist.

Zur Zeit seines hundertsten Geburtstages, am Anfang des Jahrhunderts, aber auch noch bis vor gar nicht allzu langer Frist, war Tocquevilles Name kaum einem engeren Kreis von Historikern und Soziologen vertraut. Selbst seine Würdigung durch Dilthey als den größten Analytiker der politischen Welt seit Aristoteles und Machiavelli (1910) blieb ohne Widerhall.

Dabei war sein Ruhm schon zu seinen Lebzeiten verbreitet, insbesondere in Frankreich und den angelsächsischen Ländern. Der erste Band seines Werkes „Über die Demokratie in Amerika“, der 1835 veröffentlicht wurde, erreichte zwölf Auflagen noch zu Lebzeiten Tocquevilles und veranlaßte die Académie des Sciences Morales et Politiques, ihn zu ihrem Mitglied zu wählen. Auch sein zwanzig Jahre später erschienenes Buch „Das Ancien Regime und die Revolution“ (1856) brachte es zu ebenso vielen Auflagen, sowohl in französischer wie in englischer Sprache. Aber es besagt viel, daß der zweite Teil der „Demokratie in Amerika“, der fünf Jahre nach dem ersten erschien, nur wenig Aufmerksamkeit fand, ja von Kritikern als ein Abgleiten Tocquevilles in die Spekulation beurteilt wurde.

Gerade dieser Teil aber enthält jene grundsätzlichen Analysen über die Bedeutung der Gleichheit als fundamentales Prinzip der Ordnung von Gesellschaft und Staat, die weit über die interessanten und treffenden Beobachtungen zum größten Teil zeitbedingter Erscheinungen der amerikanischen Demokratie des ersten Teils hinausgehen. Sie enthüllen die Weite des Aspekts, unter dem der junge Tocqueville überhaupt seine Erkundungsfahrt nach der Neuen Welt unternommen hatte. Es ist gerade der Teil seines Werkes, der in unseren Tagen die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf Tocqueville gezogen hat und der Anlaß zu einer seit etwa fünf Jahren immer wachsenden Zahl von Übersetzungen und Publikationen gewesen ist.