in Herrn Gutermuth

Es war eine bemerkenswerte Sprache, mit der Heinrich Gutermuth, der erste Vorsitzende der westdeutschen Bergarbeitergewerkschaft, in Düsseldorf die Delegierten seines Verbandes aufforderte, die Vereinbarung über die Fünftagewoche im Steinkohlenbergbau zu ratifizieren – jenes Arbeitzeitabkommen also, das von beiden Tarifpartnern Opfer verlangt. Zwar sollen die Bergarbeiter ihre Fünftagewoche ab 1. Mai bekommen, aber gleichzeitig hat sich der Vorstand der IG Bergbau mit einer Verlängerung der täglichen Schichtzeit von 7 1/2 auf 8 Stunden einverstanden erklärt. Vor allem aber werden sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Bergbau – bis zur stufenweisen Einführung des vollen Lohnausgleichs für 28 zusätzliche Ruhetage in zwei Jahren – in den Schaden teilen. Für die Bergarbeiter bedeutet das immerhin, daß während der ersten Phase – gemessen am Jahresverdienst – 2,5 v. H. und in der zweiten Phase des neuen Abkommens 1,3 v. H. am vollen Lohnausgleich fehlen. Darüber hinaus verpflichtet sich die IG Bergbau für die Laufzeit des Vertrages, der bis Ende 1962 Geltung haben wird, keine Lohnforderungen zu stellen. Das war schon ein ganz neuer Wind aus Bochum! Noch deutlicher zeigt sich der „andere“ Geist im gewerkschaftlichen Lager mit dem Zugeständnis, daß die Zechen im Bedarfsfalle freie Tage zurückkaufen können. „Wir haben uns bewußt und mit allen Konsequenzen wegen der Elastizität des Bergbaues dazu bekannt, daß wir keine Einwände gegen Mehrarbeit erheben werkeine betonte der Tarifexperte Karl van Berk auf der Generalversammlung in Düsseldorf.

Schon insofern kann sich der westdeutsche Steinkohlenbergbau zu der neuen verständnisvollen Haltung der Arbeitnehmervertretung beglückwünschen. Aber was Heinrich Gutermuth in Düsseldorf auf der Generalversammlung seinen Gefolgsleuten zu sagen hatte, sucht im Bergbau nahezu seinesgleichen. „Die Steinkohle wird aller Voraussicht nach ihren Anteil an der Energieversorgung nicht halten können“, so sagte Gutermuth, „die strukturellen Veränderungen deuten darauf hin, daß insbesondere das Öl große Marktanteile an sich reißen wird. Diese Entwicklung ist nicht beendet, sondern wird – das ist ganz offenkundig – weitere Schwierigkeiten bringen. Es bedarf beträchtlicher Kraftanstrengungen, wenigstens für die nächsten Jahre, diese rasante Entwicklung abzufangen – aufgehalten werden kann sie nicht mehr. Daraus folgt, daß der Daraus Bergbau und auch die Industriegewerkschaft Berg- kenntnis aufzubauen“...! Es war nicht mehr von der gemeinwirtschaftlichen Ordnung im Bergbau die Rede, dafür konnten die Delegierten von ihm Sätze hören, die im Bereich der Kohle ganz allgemein noch nicht so sehr lange im Gespräch sind.

Wenn Heinrich Gutermuth’ die Wettbewerbsfähigkeit der Kohle und „genügend Elastizität für den Bergbau, um sich den wechselnden Marktverhältnissen anpassen zu können“ als Lebensnotwendigkeit dieses bedrohten Wirtschaftszweigs herausstellte, dann ist das ein ebenso nüchternes wie mutiges Urteil für den Gewerkschaftsvorsitzenden einer Industrie, deren reiner Arbeitskostenanteil immerhin zwischen 50 und 60 v. H. aller Kosten liegt! Daß die in Düsseldorf versammelten Delegierten der Industriegewerkschaft Bergbau ihrem sonst so wortreich wetternden Boß diese nüchterne Beurteilung der Situation nicht mit Begeisterung abnahmen, kann eigentlich die Tragweite seiner Rede nur unterstreichen. In den Diskussionsbeiträgen der Düsseldorfer Veranstaltung waren die überwiegenden radikalen Stimmen nicht zu überhören. Aber der Vorstand erhielt in der Abstimmung eine knappe Mehrheit.

Ingrid Neumann