Als in der vergangenen Woche die Kandidatur Adenauers zum Bundespräsidenten bekanntgegeben wurde, warteten viele Leute mit Spannung auf die Reaktion der Börse, oder besser auf die Reaktion des internationalen Kapitals. Aber es geschah nichts Außergewöhnliches. Die seit Ostern herrschende Hausse in den deutschen Spitzenpapieren, ausgelöst durch massierte Käufe ausländischer Investment-Gesellschaften und internationaler Anlegergruppen, ging unvermindert weiter. Nur zu Beginn voriger Woche war sie – offenbar aus taktischen Gründen – unterbrochen worden. Wer sich aber in jenen Tagen von seinen Papieren in der Meinung trennte, daß der Schlußpunkt unter der Aufwärtsbewegung gesetzt war, sah sich durch den späteren Verlauf der Börsen (wieder einmal!) getäuscht.

Tatsächlich scheinen die internationalen Anleger das bevorstehende Arrangement in der deutschen Regierungsspitze positiver zu beurteilen, als es zunächst zu erwarten war. Bislang war der Gedanke an ein Ausscheiden des Bundeskanzlers aus seinem Amt immer mit der Angst vor einem kräftigen Kurssturz verknüpft, ähnlich wie wir ihn seinerzeit anläßlich der ersten Erkrankung Eisenhowers erlebten. Mit dem jetzt gefundenen Weg sieht jedoch (vor allem Wall Street) die Kontinuität der bisherigen Regierungspolitik gesichert, zumal die als Kanzlerkandidaten genannten Persönlichkeiten die Gewähr dafür bieten, daß keine radikale Änderung des Wirtschaftskurses vorgenommen werden wird. Das ist auch der Grund, warum die Börse über Adenauers Schritt mehr „erlöst“ als bekümmert war.

Die ausländischen Käufe erstreckten sich auch weiterhin auf die IG-Farben-Nachfolger, AEG, Siemens und Rheinstahl. Neue kräftige Gewinne konnten deshalb in diesen Papieren nicht ausbleiben. Dabei hat sich der Kursunterschied zwischen AEG und Siemens jetzt auf beinahe 100 Punkte ausgedehnt, eine Differenz, die sich sachlich kaum rechtfertigen läßt. Siemens wird zur Zeit stark von amerikanischen Anlegern erworben, und zwar offensichtlich nur deshalb, weil eine bekannte Wall-Street-Firma ihrer Kundschaft den Erwerb von Siemensaktien nachdrücklich empfohlen hat. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß in den nächsten Tagen die amerikanische Kommission von Wertpapierexperten in die Bundesrepublik kommt, weil dann die berechtigte Hoffnung besteht, daß noch weitere deutsche Aktien „entdeckt“ werden und so die jetzt herrschende Einseitigkeit wieder abgebaut wird.

Allmählich beginnt auch der Montanmarkt von der festen Tendenz der Spitzenwerte zu profitieren. Allerdings wird hier sehr vorsichtig disponiert. Niemand mag vorerst Klarheit darüber zu gewinnen, ob die leichte Belebung des Stahlabsatzes den Beginn einer „neuen Zeit“ darstellt oder ob die Folge des in Aussicht stehenden USA-Stahlarbeiterstreiks, der zu einer stärkeren Bevorratung führt. Zuviel Optimismus wird offenbar an Rhein und Ruhr nicht gern gesehen, denn er ist wenig geeignet, die Wünsche, welche die Stahlindustrie gegenwärtig in Bonn vorträgt, wirksam zu unterstützen. Kurt Wendt