London, im April

Seit der Europamarkt seine Sirenenrufe auch über den englischen Kanal ertönen läßt, zerbrechen sich die englischen Filmproduzenten in ihren Alchemisten-Filmküchen die Köpfe, Themen zu finden, die auf sämtlichen Märkten Europas gleich gut ankommen. In der Rank-Organisation glaubten sie, es gefunden zu haben. Also, man nehme: englische Stars, dazu einen deutschen und einen französischen und stelle sie vor eine romantische Rheinstaffage; dann gibt man etwas Liebe hinzu und einen kleinen Mord. Dann mixt man alles gut durcheinander und was hat man? Man hat die Lorelei durch ein Whisky-Glas besehen!

Nun ist die Lorelei nicht goldblond und kämmt ihr Haar, sondern sie ist eine Kellnerin in einer Kneipe, hat schwarze Haare und läßt diese ungekämmt. Es ist nämlich die bekannte Rheinländerin Juliette Greco, die ihre Existentialisten-Frisur trägt und oft barfuß herumläuft, um Gelegenheit zu haben, das bekannte Rheinlied: „Pieds nus dans mes sabots“ (Nackte Füße in Holzschuhen) singen zu können.

Allerdings bedient sie nicht lange, denn ihr Liebhaber (Derek Sylvester), den Dolch im Gewande, ersticht einen unliebsamen Gast und entfleucht, verfolgt von der gebrochen englisch sprechenden Polizei. Auch Juliette entflieht, und zwar auf einen Rheinkahn, damit man auch den Rhein in allen seinen Windungen auf der Breitwand sieht. Der Rheinschiffer ist O. W. Fischer, der während des ganzen Films vollauf beschäftigt ist, Gutes zu tun und den Kahn sicher, nach den Bestimmungen der Rheinschiffahrt, durch die Gefahren der Strudel und Klippen zu steuern. Der englische Bösewicht, der offenbar die Lorelei-Warnung von einem unbekannten deutschen Dichter nicht kannte, gerät in den Strudel und erhält damit seine gerechte Strafe. Ein Kleinfilm, der gerade so gut an der Rhône oder an den Ufern unseres englischen Ost-West-Kanals spielen könnte.

Kurz vor der Premiere in London gab die deutsche Botschaft einen Presseempfang, wohl aus Freude und Genugtuung, daß wir in England nun auch filmisch den Vater Rhein entdecken. Es ist jedoch anzunehmen, daß die Gastgeber den Film noch nicht gesehen hatten, sonst wäre die rheinfrohe Stimmung in das Gegenteil umgeschlagen. Immerhin muß dem britischen Zoll etwas geschwant haben, denn er ließ eine Sendung Rheinwein, die für den Abend bestimmt war, nicht rechtzeitig durch. Vielleicht hatte der Zöllner den Film gesehen und liebt den Rhein?

Es ist schon ein Kreuz mit den Rheinfilmen. Die Filme, die in Deutschland gedreht wurden – einige sickerten nach England durch –, waren fast ohne Ausnahme von einer Syrup-Romantik und verschwanden bald von der Bildwand. Nun bringt ein englischer Produzent einen Rheinfilm heraus, der nichts ist, als Hintergrund für eine Gangstergeschichte. Der Rhein soll vermutlich die deutschen Kinobesucher anlocken und gleichzeitig exotischen Reiz für das britische Publikum haben. Es wurde aber kein Rheinfilm, sondern ein Reinfall. Dabei wartet das wirkliche Drama und die Tragik des europäischen Schicksalsstroms immer noch auf eine ehrliche Dramatisierung. Diese hätte von England kommen können, denn der Rhein ist auch in England ein Begriff, der weit über romantische Staffage hinausgeht. Schade! Nieter O’Leary