Die Vorschläge, die der Vorstand der Bundesbahn gemacht hat, fanden auf der Sitzung des Großen Verkehrsausschusses des Industrie- und Handelstages in Essen ein positives Echo. Die Atmosphäre hat sich zugunsten der Bundesbahn merklich gebessert. Allseits wird anerkannt, daß sie aus dem notorischen Defizit heraus muß. Ihre Forderung, mit den andern Verkehrsträgern Startgleichheit herzustellen, wobei sie auf bisher ihr einseitig gewährte Vergünstigungen verzichten will, wurde ebenso anerkannt, wie ihr Bemühen, durch Stillegung unrentabler Strecken zu sparen.

„Fast revolutionierend“ nannte Direktor Dr. Geile den Vorschlag der Tarifautonomie, als er sich mit den jüngsten Angriffen der Bahn auf die Binnenschiffahrt auseinandersetzte. An diesem einen Punkt entzündete sich – leider zu einseitig – die Diskussion, Man unterstellte, die Forderung der Bahn laufe darauf hinaus, in eigener Zuständigkeit die Ausnahmetarife abzuändern und mit einzelnen Verladern „geheime“ Sonderabmachungen zu treffen.

Von dieser Besorgnis war nur ein kleiner Schritt zu der Frage, ob der Verkehr sich überhaupt zur Anwendung marktwirtschaftlicher Grundsätze eigne. Der Zuhörer spürte Resignation in Feststellungen, daß die „Verkehrstarif-Freiheit“ nicht so einfach zu verwirklichen sei. Die anderen Verkehrsträger fordern dieselbe Tarifautonomie, die der Bahn gewährt werden soll, wie überhaupt bei allen Punkten gleiche Behandlung aller Verkehrsträger verlangt wurde. Aber Tarifautonomie für den Straßenverkehr oder die Binnenschiffahrt – bei der noch die internationalen Bindungen hinzukommen – wäre etwas ganz anderes als für die Bahn. Für den schienengebundenen Verkehr ist die Bundesbahn der einzige und alleinige Tariffragen Bei Straße und Schiffahrt handelt es sich um eine Vielzahl von Einzelunternehmern.

So kam man zum Schluß, daß einer Tarifautonomie der Bahn ein geschlossener Tarifkörper bei den andern Verkehrsträgern gegenübergestellt werden müßte, der nur durch eine gesetzliche Zwangsorganisation zustande kommen könnte, Dann beständen gleichsam drei „berufsständische“ Tarifsäulen, deren Träger unter der Aufsicht des Staates die Tarifpolitik untereinander regelten. Besonders sympathisch war diese Schlußfolgerung keineswegs. Vielleicht griff sie etwas weit in die Zukunft. Aber soll man die Dinge nicht bis zum Ende durchdenken? F. L.