Wenn es dem Bundesschatzminister (woran wir nicht zweifeln) ernst ist mit der Privatisierung des bundeseigenen industriellen Anlagevermögens, so steht ihm als geeignetes Objekt außer der Preußag und dem Volkswagenwerk in absehbarer Zeit für diesen Zweck auch die AG für Berg- und Hüttenbetriebe, Berlin-Salzgitter, zur Verfügung. Wenn Dr. Lindrath kürzlich eine solche Absicht geleugnet hat, so bezog sich seine Äußerung, wie Vorstands-Vorsitzer Dr. Konrad Ende in einer Bilanzbesprechung vor der Presse kommentierte, lediglich auf die laufende Legislaturperiode. Diese Einschränkung ist bei der Schwerfälligkeit des Gesetzgebungsapparates verständlich. Andererseits zeigt gerade der Abschluß des Konzerns für das Geschäftsjahr 1957/58 (30. 9.) und sogar der Verlauf der ersten Hälfte des neuen Geschäftsjahres, der im Bereich der Montanindustrie wahrlich nicht von der Sonne einer glänzenden Konjunktur beschienen war, daß aus den vor rund 25 Jahren ohne Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit gegründeten „Reichswerken“ inzwischen ein in Teilbereichen zwar noch verbesserungsbedürftiges, insgesamt aber gesundes, lebensfähiges und gewinnversprechendes Großunternehmen geworden ist. Dr. Fritz Rittstieg vom Vorstand kleidete dies in die Worte: „Unser Konzern ist nunmehr so weit konsolidiert, daß er für die normalen Risiken und Schwankungen des Wirtschaftslebens ausreichend gesichert ist.“

Äußerlich erkennbares Zeichen dieser Entwicklung ist der Gewinn des Geschäftsjahres von 24. Mill. DM, der bei einem AK von 400 Mill. DM einem Dividendensatz von 6 v. H. entspricht und diesmal dem Bund als Alleinaktionär zugeflossen ist. Zwar war in dem vorangegangenen Rumpfgeschäftsjahr, das nur neun Monate umfaßte, bereits ein Gewinn von 22,6 Mill. DM erwirtschaftet worden, der jedoch noch in die freie Rücklage eingestellt worden war. Somit hat der Konzern zum erstenmal seit seiner Gründung eine Dividende abgeworfen – ein Zeichen nicht nur für eine sorgfältige und planmäßige wirtschaftliche Leitung, sondern ebenso ein Beweis für das erfolgreiche zähe Ringen der Techniker um wirtschaftliche Verfahren besonders der Eisen- und Stahlerzeugung, wie sie bis vor nicht langer Zeit kaum für möglich gehalten worden sind. Ein Beispiel nur: für die Gewinnung einer Tonne Eisen aus dem sauren Salzgittererz, das vor wenigen Jahrzehnten noch für nicht abbauwürdig gehalten wurde, werden jetzt 800 kg Kohle benötigt, gegenüber einem Bundesdurchschnitt von 840 kg. Die Qualität ist so, daß man – wie Dr. Ende bemerkte – die Konkurrenz der Schwedenerze nicht mehr fürchtet.

Auf diesem technischen Hintergrund ist der Gesamtumsatz des Konzerns im Berichtsjahr von 2,167 Mrd. DM in den vorangegangenen zwölf Monaten auf 2,299 Mrd. DM gestiegen. Die Zuwachsrate von 6 v. H. lag damit zwar erheblich unter den fast 20 v. H. des Vorjahres, ist aber angesichts des Verfalls der Schrottpreise, des rückläufigen Stahlexportes und des verringerten Kohleabsatzes noch bemerkenswert hoch. Die Zunahme erstreckete sich im wesentlichen auf den internen Konzernumsatz, der durch die neu aufgenommenen Tochtergesellschaften, die Borsig AG und die Linke-Hofmann-Busch Waggon-Fahrzeug-Maschinen GmbH, auf fast 560 Mill. DM oder 24,3 V. H. des Gesamtumsatzes angestiegen ist. Der Fremdumsatz von 1,739 Mrd. DM hat sich gehalten, der Exportanteil daran betrug 23 v. H. Der jetzige interne Konzernumsatz war damit um rd. 5 Mill. DM höher als der Gesamtumsatz des Jahres 1950. Kaum eine andere Zahl aus dem umfangreichen Rechnungswerk zeigt so deutlich, welche Position sich Salzgitter in wenigen Jahren erobert hat. Von dem Gesamtumsatz des Berichtsjahres entfielen 671 Mill. DM oder 29 v. H. auf die Hüttenindustrie, 542 Mill. DM oder 24 v. H. auf den Steinkohlenbergbau, 387 Mill. DM oder 17 v. H. auf den Handel, 319 Mill. DM oder 14 v. H. auf Maschinen und Stahlbau. Der Rest verteilt sich zu 8 v. H. auf den Erzbergbau, zu 4 v. H. auf die Roh- und Baustoffindustrie, zu 1 v. H. auf den Verkehr und zu 5 v. H. auf alle übrigen Bereiche.

Die Position der Salzgitter-Gesellschaften innerhalb der gesamten Förderung oder Erzeugung des Bundesgebietes verdeutlichen folgende Zahlen: An der gesamten Steinkohlenförderung war der Konzern im letzten Jahr zu 6.8 v. H. beteiligt, an der Kokserzeugung zu 7,4 v. H., an der Eisenerzförderung stieg der Anteil von 34,9 auf 36,4 v. H., an der Rohölgewinnung ging er trotz absoluter Steigerung geringfügig von 6,7 auf 6,4 v. H. zurück. Beim Roheisen erhöhte Salzgitter seinen Anteil von 5,1 auf 6.9 v. H., beim Rohstahl von 4,9 auf 5,7 v. H. An der Produktion von Grob- und Mittelblechen war der Konzern zu 16,7 (15,9) v. H. beteiligt. Daß die Männer von Salzgitter auch auf den Gebieten, auf denen andere Gesellschaften im Inland schneller zum Zuge kommen konnten, den Mut zum Risiko aufbringen, zeigt der Beginn der Bohrtätigkeit der Tochtergesellschaft Deutsche Schachtbau- und Tiefbohr- GmbH, Lingen, in Algerien, wo eine erste Bohrung in Arbeitsgemeinschaft mit einer französischen Firma erdgasfündig wurde. Mit der zweiten Bohrung um die letzte Jahreswende wurde ein völlig neues Erdölfeld aufgeschlossen. Gleichzeitig beteiligte sich diese Tochtergesellschaft zu einem Viertel durch Bohrleistungen an einem spanischen Unternehmen.

Daß es bei der Vielgestaltigkeit des Konzerns auch Sorgenkinder gibt, wird sich kaum jemals vermeiden lassen. Im Berichtsjahr waren es hauptsächlich die Borsig AG, Berlin, deren AK von zuletzt 25 Mill DM nicht nur um 10 Mill. DM erhöht wurde, sondern von der auch ein Minderheitspaket in Höhe von 12 Mill. DM erworben und der Verlustvortrag von 4,9 Mill. DM abgedeckt wurde. Eine andere Berliner Tochtergesellschaft, die Deutsche Industriewerke AG mit 5 Mill. DM AK, hat infolge des Anlaufs der neuen Binnenschiffswerft zum erstenmal mit Verlust gearbeitet, die Periode der „roten Zahlen“ ist aber inzwischen bereits überwunden. Ein weiteres Sorgenkind war die Luitpoldhütte AG in Amberg/ Ofr., die trotz einer Umsatzsteigerung um fast ein Drittel durch Rationalisierungsinvestitionen, Kostensteigerungen Und andere Momente noch immer einen beträchtlichen Verlust hatte, der auch im laufenden Jahr noch nicht ausgeglichen sein dürfte. G. G.