Als erster der drei großen IG-Farben-Nachfolger hat in diesem Jahre die Farbenfabriken Bayer AG, Leverkusen, ihre ausgezeichnete Bilanz für das Geschäftsjahr 1958 veröffentlicht. Das vergangene Jahr hat erneut bewiesen, daß die Chemie noch einiges in der Retorte hat. Wiederum lag die Zuwachsrate der chemischen Industrie, um mehr als 100 v.H. über der Ausweitung des Geschäftsvolumens der Industrie insgesamt. Und auch im Jahre 1958 ragten die Farbenfabriken Bayer weit über den Durchschnitt der Branche hinaus. Mit einer Steigerung um 8,5 v. H. konnte Farben-Bayer (einschließlich der 100prozentigen Organgesellschaften) seinen Wertumsatz auf 2,010 (1,853) Mrd. DM steigern, wobei auch der Exportanteil am Umsatz mit 42 (41) v. H. nochmals leicht erhöht werden konnte. Im ersten Quartal des laufenden Jahres, das für Bayer eine weitere Umsatzaufbesserung um 12 v. H. gegenüber dem Vergleichszeitraum des Berichtsjahres gebracht hat, ist die Exportquote sogar auf 43,4 v. H. gestiegen.

Das ist zweifellos ein Beweis dafür, daß die Bayer-Erzeugnisse eine gute Aufnahme auf dem Weltmarkt finden. Wie aus den Angaben des Vorstandvorsitzers des Unternehmens, Prof. Dr. Ulrich Haberland, in einer Pressekonferenz hervorging, wird diese Entwicklung mit einem gewissen „bangen Stolz“ beobachtet, weil die steigende Exportabhängigkeit der Erzeugung zweifellos auch ein Risiko in sich birgt. Im Berichtsjahre wuchsen die Lieferungen nach Übersee, die etwa 20 v. H. des Exportes ausmachen, stärker als der Absatz in Europa. Dabei stiegen im europäischen Geschäft die Umsätze weniger in den Ländern des Gemeinsamen Marktes, als in den Ländern innerhalb und außerhalb der geplanten Freihandelszone.

Die Expansion des vergangenen Jahres wurde nicht zuletzt von der beachtlichen Zuwachsrate der Kunststoffe und Kunststoffvorprodukte getragen, deren Absatz sich nach 26 v. H. im Vorjahr um 52 v. H. gegenüber 1956 gesteigert hat. Gute Umsatzerfolge brachten daneben auch Spezialsorten von synthetischem Kautschuk, Titandioxyd, Textilhilfsmittel, Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmittel, und vor allem die vollsynthetischen Fasern, sowie Colorfilme und Magnetonbänder. An dem Gesamtabsatz der Bayer-Gruppe waren Chemikalien mit 44, Farben und Fasern mit 24, Photo mit 16, Pharma mit 9 und Pflanzenschutz mit 7 v. H. beteiligt.

Die erfolgreiche Absatzentwicklung der lernen Jahre ist allerdings dem Unternehmen auch nicht in den Schoß gefallen. Von der internationalen Konkurrenz befeuert, hat Farben-Bayer seinen Forschungsaufwand von Jahr in Jahr erhöht. In 1958 ist die Forschung mit 99,7 (82,8) Millionen DM wiederum höher dotiert worden als im Vorjahre. Darüber hinaus, stiegen auch die Ausgaben für den Neubau von Laboratorien für Forschungs- und Anwendungstechnik auf 18 (12,6) Mill. DM. Der Forschungsaufwand ist im Laufe der vergangenen 5 Jahre mehr als verdoppelt worden. Als Ergebnis dieser Anstrengung kann aber Bayer auch den Erfolg für sich buchen, daß jetzt 23 (20) v. H. des Gesamtumsatzes auf Produkte entfallen, die völlig aus eigener Forschung und Entwicklung stammen. Der Anteil der erst seit 1948 in den Bayerwerken hergestellten Erzeugnisse ist in 1958 auf 49,4 (43,4) v. H. geklettert. Daß das Unternehmen mit diesen Ergebnissen die Umsatzrückgänge bei den älteren Produkten – die im Berichtsjahre auf etwa 280 Mill. DM beziffert werden – gelassen auffangen kann, ist ein anderer Aspekt des Forschungsaufwandes bei Bayer.

Von den Erlösen des Jahres 1958 hat Farben-Bayer 37,4 (39,3) v. H. für Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, 23,5 (23,2) v. H. für Löhne und Gehälter, 17 (16,4) V. H. für Energiebezüge und sonstige Fremdleistungen, 10,1 (10) v. H. für Abschreibungen, 7,2 (7,7) v. H. für Steuern und 4,8 (3,4) v. H. für die Dividende aufgewendet. Wie die Verwaltung betont, habe das Berichtsjahr unter dem Druck sinkender Verkaufserlöse gestanden. Mengenmäßig sei der Umsatz erheblich stärker ausgeweitet worden, als es die 8,5prozentige Wertsteigerung vermuten läßt. Im Durchschnitt aller Produkte sanken die Verkaufspreise um 2,7 v. H. gegenüber 1957. Gleichzeitig hatten jedoch auch die Einkaufspreise für Rohstoffe und technische Materialien eine sinkende Tendenz. Trotz einer weiteren Personalkostensteigerung um 12,9 v. H. die Zahl der effektiv geleisteten Arbeitsstunden nahm bei einer durchschnittlich um 7 v. H. erhöhten Belegschaft infolge der weiteren Arbeitszeitverkürzung nur um 5.5 v. H. zu konnte Bayer ein gutes Ergebnis erwirtschaften. Die Dividendenausschüttung von 14 (11) V. H. auf das Aktienkapital von 660 (550) Mill. DM – die wiederum im Gleichschritt mit den beiden anderen IG-Nachfolgern erfolgt – fällt dem Unternehmen nicht schwer, zumal man noch berücksichtigen muß, daß vielleicht 2 v. H. der Dividendenerhöhung auf die Änderung des Körperschaftsteuersatzes zurückzuführen ist. Auch für das laufende Geschäftsjahr glaubt Bayer, „ein angemessenes Ergebnis“ erwirtschaften zu können.

Getragen von der steigenden Nachfrage nach den Bayer-Erzeugnissen und ebenso von der ausgezeichneten Ertragslage hat die Farbenfabriken Bayer AG im Berichte jahr wieder ein beachtliches Investitionsprogramm bewältigt. Auch die Tatsache, daß der weitere Ausbau der Anlagen den Voranschlag, den Prof. Haberland im vorigen Jahr gegeben hatte, erheblich überschreitet, spricht für den günstigen Verlauf des Geschäftsjahres 1958, Insgesamt hat die Bayergruppe 309,1 (313,6) Mill. DM investiert (Bayer allein 272,2). Investitions-Schwerpunkte waren der Ausbau der Erzeugungsanlagen für Kunststoffe und ihre Vorprodukte, für die vollsynthetischen Fasern „Dralon“ und „Perlen“, für Photofilme und Photopapiere, sowie anorganische Pigmente. Unter voller Ausnutzung der degressiven Abschreibungsmöglichkeiten konnte das Unternehmen in 1958 208,8 (190,6) Mill. DM abschreiben, d. s. 67,5 v. H. der Investitionsaufwendungen. für das laufende Geschäftsjahr gab Prof. Haberland die geplanten Investitionen mit 200 Mill. DM an. Diese Stimme wird also im wesentlichen durch das Abschreibungsvolumen finanziert werden können. Eine Kapitalerhöhung aus dem noch vorhandenen genehmigten Kapital (110 Mill. DM) wird Bayer vorerst nicht durchführen. „Wenn man schon auf 600 Mill. DM 14 v. H. Dividende zahlt, so muß man Sich diesen Schritt, sehr genau überlegen“, betonte Prof. Haberland. Er gab als Voraussetzung für eine weitere Kapitalaufstockung bei Farben-Bayer eine Umsatzausweitung auf 2,5 Mrd. DM an; für das laufende Jahr wird intern mit 2,1 Mrd. DM gerechnet. Die Investitionspolitik wird unter den drei IG-Nachfolgern vorsichtig abgestimmt, um „Fehlentwicklungen zu vermeiden“. Nach Prof. Haberland ist eine Rückverflechtung innerhalb der alten IG-Familie auf keinen Fall zu erwarten. Sie werde nicht für Wünschenswert, aber auch nicht für notwendig gehalten.

Mit der Entwidmung der Auslandsbeteiligungen im Berichtsjahr ist die Verwaltung uneingeschränkt zufrieden. Das Beteiligungskonto stand im Berichtsjahr unter dem Einfluß lebhafter Bewegungen. Die Übertragung des größten Teiles der Auslandsinteressen auf die kanadische Holding Bayer Foreign Investments Limited (Bayforin), Toranto/Canada, führte im Berichtsjahr zu großen Zu- und Abgängen auf dem Beteiligungskonto. Während die Abgänge von 83,5 Mill. DM ausschließlich die Übertragung auf die Bayform betrafen, ist in den Beteiligungszugängen von 141,2 Mill. DM die Erhöhung des Stammkapitals der Erdölchemie GmbH, Dormagen, mit 43,2 Mill. DM enthalten. Beteiligungspartner bei der Erdölchemie GmbH ist bekanntlich die BP-Benzin- und Petroleum-AG, Hamburg.

Ingrid Neumann