r. g., Stuttgart

Der Schreckensruf der Römer „Hannibal ad portas“ ist in Stuttgart plötzlich höchst aktuell geworden: Zwei Architekten, Otto Jäger und Werner Müller, haben ein Riesenwohnhaus projektiert, dem sie den Namen „Hannibal“ gegeben haben. Wenn man die Ausmaße dieses Wohngiganten erfährt, kann man verstehen, weshalb er ein nicht geringeres Erschrecken hervorgerufen hat, als seinerzeit der karthagische Feldherr mit seinen Kriegselefanten.

Sollte das Projekt vor den Toren Stuttgarts, auf der Filder-Ebene, tatsächlich verwirklicht werden, hätte die Stadt eine neue „Attraktion“: zu dem 211 Meter hohen Fernsehturm, dem längsten Straßentunnel und der längsten Trinkwasser-Pipeline Deutschlands würde als neuer Superlativ das größte Wohngebäude Europas kommen.

Der Plan sieht vor: einen 650 Meter langen, 50 Meter hohen Stahl- und Betonriegel für ungefähr 4000 Bewohner. Vorgesehen sind1200 Wohnungen, deren Größe von der Ein- bis zur Sechszimmerwohnung variiert. Die Insassen des Kolosses, der selbst Le Corbusiers Wohnmaschine in Marseille weit in den Schatten stellen würde, hätten so ziemlich alles im Hause, dessen sie bedürfen: Tiefgaragen, Geschäfte im Erdgeschoß, Bankfiliale und Postamt. Ob sie aber auch das Gefühl hätten, „zu Hause“ zu sein?

Um diese Frage kreist die Auseinandersetzung in Stuttgart, die sogar den Streit um die Gestaltung der Theateranlagen zurückgedrängt hat. Der Technische und der Wirtschaftsausschuß des Gemeinderats haben sich mit zehn gegen sechs und elf gegen sechs Stimmen für die weitere Bearbeitung der Pläne durch die „Interessengemeinschaft Eigenwohnungsbau Hannibal“ ausgesprochen und empfohlen, der Interessengemeinschaft die Option auf ein etwa zwölf Hektar großes Grundstück einzuräumen. Bereits am Tage nach dieser Sitzung sollte sich der gesamte Gemeinderat mit dem Projekt beschäftigen. Diese Absicht wurde aber kurz vor der Sitzung fallengelassen. Daraus kann man wohl schließen, daß selbst die Befürworter des Projektes eine begreifliche Scheu davor haben, die Angelegenheit Hannibal übers Knie zu brechen.

In der Tat haben sowohl die Verfechter als auch die Gegner gute Gründe, die es gegeneinander abzuwägen gilt. Einig sind sich beide darüber, daß es technisch möglich sein dürfte, ein derart monströses Bauwerk zu errichten, auch wenn manch: Detailfragen ((etwa die Dehnungsfugen, der Windaufprall oder die „Besonnung“) noch geklärt werden müssen.

Es ist sogar schon klar, wer das Mammutgebilde bevölkern soll. Es liegen bereits 4000 Bewerbungen von Bausparern vor, so daß in dem vom Gemeinderat noch zu beratenden Antrag der Stadtverwaltung bereits die Auflage erteilt worden ist, unter den Bewerbern sei denjenigen der Vorzug zu geben, die in Stuttgart bewirtschafteten Wohnraum frei machen würden. Außer den 400 Bewerbern haben sich 7200 Interessenten gemeldet, die nähere Einzelheiten erfahren möchten.