RH-Hamburg

Seife, eine zerdrückte Tube, eine Zahnbürste und die Photographie eines kleinstädtisch wirkenden jungen Mannes im Sonntagsanzug bilden, sorgfältig angeordnet, ein Stilleben auf dem Hocker neben dem militärisch ordentlichen Bett. Über ein Dutzend teils postkartengroßer Photos ist auf einem Kopfkissen in gefälligschräger Symmetrie angeordnet. Zentrum dieser Zierde ist eins, auf dessen Rückseite steht „In Liebe dein Horst“.

Aber Horst ist weit weg in der Kleinstadt, und wäre er dort ebenso im Zentrum gewesen wie hier, dann wäre auch das sechzehnjährige Mädchen nicht hier in Hamburg, das Mädchen, das in diesem Bett schläft. Die Sehnsucht nach der Großstadt, genauer nach dem fabelumwobenen St. Pauli trieb dieses Mädchen nach Hamburg. Und nicht anders ging es vielen, die hier wohnen.

Die Sehnsucht nach der verlassenen Enge, nach Horst oder Uwe, nach den Eltern, die steif und schwer vor einem wackeligen Tischchen aufgenommen sind, nach der Laube im Schrebergarten, vor der Lisa und Renate Kaffee trinken, oder auch nach dem Lehrherrn, der strenge und knurrig war, triebe sie jetzt wohl zurück. Wenn sie könnten, gingen sie, noch ehe der Alsterdampfer, den sie aus den Fenstern beobachten, den Anlegesteg am Atlantik Hotel erreicht hat – einen Kilometer von hier.

Aber so rasch, wie sie in dieses Durchgangsheim der Jugendbehörde hineingekommen sind, kommen sie nicht wieder heraus. In die Ferne kann man nur sehen von hier, nicht gehen. Es sei denn, man wird ordnungsgemäß hinausbegleitet oder abgeholt von Erziehungsberechtigten.

Siebzig bis neunzig Mädchen, die sich „untergetrieben“ haben – manche sind erst fünfzehn Jahre alt –, werden durchschnittlich jeden Monat hier aufgenommen. Sie bleiben meist acht bis vierzehn Tage, einige aber auch Wochen, andere nur ein paar Stunden,

Und doch: Die Jugendleiterin, eine liebenswürdige jüngere Frau, wird mit Respekt und Zuneigung betrachtet, während sie mir das Haus zeigt. Überall ist sauber geputzt. Die Fenster zum Garten und zur Alster stehen offen, und für Augenblicke wirkt das Leben hier beinahe heiter. Das Häßlichste scheint dann zu sein, daß überall der Putz von den Decken fällt, die Farbe von Fenstern und Türen abblättert, die Wände schmutzig sind. Auch die braungrünen Jugendstilornamente an einer Decke wären für diejenigen, die heute hier wohnen, ganz sicher entbehrlich, zumal sie nur als Inseln zwischen den rieselnden späteren Farbschichten erscheinen.