Von Rudolf Walter Leonhard

Das Wort Europa fällt nicht ein einziges Mal. Und doch hat hier ein einzelner versucht, das Wesen Europas – wie heißt das heute doch? – „in den Griff zu bekommen“, und das auf 150 kleinen Seiten eines scheinbar kleinen Buches, das zunächst auch noch so tut, als sei es einfach eine Reisebeschreibung.

Gewiß, zur Dimension des Raumes tritt bald schon die Dimension der Zeit: Während der Autor selber im Griechenland des Jahres 1958 sich aufhält – in Ithaka und Knossos und Mykonos und Delos und schließlich in Athen –, erlaubt er seinem durch klassische Studien dafür sorgfältig präparierten Geist, zurückzuschweifen in die Zeit Homers und des Mythos.

Je nun ... eine Reise also durch Raum und Zeit. Griechenland fordert immer wieder dazu heraus; und Italien; ebenso: China, Mexiko, Ägypten. Ja, auch das: eine Reise durch Raum und Zeit. Nur daß Raum und Zeit sich gewiß nicht zufällig decken mit dem, was heute aus vielen gutgemeinten Reden als „Europa“ tönt: zweieinhalb Jahrtausende und vor allem Griechenland, aber auch Rom, und schließlich sogar Berlin und Leipzig – mit Richtstrahler nach Washington und nach Moskau und noch darüber hinaus: „Auch in Chicago ist. Apollon zu Hause, und über den Reisfeldern Chinas weht das grüne Mäntelchen des diebischen Gottes.“ So steht es in dem Buch von

Walter Jens: „Die Götter sind sterblich“; Verlag Günther Neske, Pfullingen; 150 S., 12,80 DM.

Als Griechenland im dritten vorchristlichen Jahrhundert zerschlagen und politisch entmächtigt war, entstand jene Verbindung von Dichtung und Gelehrsamkeit, die man seitdem hellenistisch oder (nach ihrem geistigen Zentrum) alexandrinisch nennt.

„Auch Alexandriens Metier ist von Wert“, schreibt der Professor-Dichter Walter Jens; und gewiß ist sein Buch ein schönes Zeugnis für die neu-alexandrinische europäische Literatur des 20. Jahrhunderts. Naives Erleben führt zu immer wieder überraschenden Perspektiven durch die „sentimentalischen“ Reflexionen eines Mannes, der „schrecklich viel gelesen“ hat.