Frankreich nach einem Vierteljahr der „Austerity“ – Erste Erfolge und weitere Opfer

J. K. Paris, im April

Seit dem Übergang zur neuen Wirtschaftspolitik und den einschneidenden Währungs- und Wirtschaftsmaßnahmen Ende Dezember sind 15 Wochen vergangen. Die von den Pessimisten prophezeite Katastrophe ist noch nicht eingetreten; im großen und ganzen haben die Optimisten recht behalten. Finanzminister Pinay ist nicht „geflogen“ – im Gegenteil, seine Stellung hat sich gefestigt. Die Zurückhaltung, die am Anfang sowohl Staatspräsident de Gaulle als auch Premierminister Debré gegenüber dem Sanierungsplan Pinays geübt haben, hat einer ausdrücklichen Zustimmung zu diesem Plan Platz gemacht. Die Kritik der Öffentlichkeit an dem Gesamtplan hat erheblich an Lautstärke verloren. Was weiterhin stark kritisiert wird, sind Einzelmaßnahmen wie die 3000 ffr-Freigrenze für die Rückerstattung von Ausgaben für Medikamente sowie besonders die Streichung der Kriegsteilnehmerrente für 70 v.H. der bisherigen Rentenempfänger,

Die Kritik daran ist um so berechtigter, als die Einsparungen, die der Staat hier im laufenden Jahr erzielen kann, auf kaum 6 bis 8 Mrd. ffr – bei einem Budget von 5600 Mrd. ffrs – beziffert werden können, und diese Ersparnisse durch außerordentliche administrative Schwierigkeiten wieder in Frage gestellt werden. Außerdem treffen diese Maßnahmen auch wenig wohlhabende oder sogar ausgesprochen minderbemittelte Leute, Kurz, man gibt auch in Regierungskreisen zu, daß hier ein „Fauxpas“ vorliegt, aber man glaubt ihn aus grundsätzlichen Erwägungen nicht korrigieren zu dürfen.

Gute Resultate

Eine weitere Befürchtung, daß nämlich der Sanierungsplan die Rezession in Frankreich verschaffen würde, hat sich als unbegründet erwiesen. Die seit dem vergangenen Frühsommer fallende Konjunkturkurve scheint im Januar dieses Jahres ihren natürlichen Tiefpunkt erreicht zu haben, Zeichen einer vorerst noch schwachen Wirtschaftsbelebung machen sich seit Mitte Februar bemerkbar, und alles deutet darauf hin, daß sie sich in den kommenden Monaten verstärken werden. Man kann heute mit guten Gründen die Prognose stellen, daß sich die Konjunktur in Frankreich bis zum Herbst mindestens auf dem gegenwärtigen Niveau halten wird. Eine Konjunkturbelebung im Herbst ist heute wahrscheinlicher als ein Rückfall in die Inflation oder in die Rezession. Sollte sich diese Prognose als falsch erweisen, dann höchstens infolge ernster außenwirtschaftlicher Ereignisse, die hier nicht berücksichtigt werden sollen.

Die Wirtschaft hat den Schock der Sanierungsaktion überraschend gut überstanden, Krisenerscheinungen sind bisher bloß in lokalem Rahmen aufgetreten; sie hatten in zahlreichen Fällen strukturellen und nicht konjunkturellen Charakter. Die Regierung befleißigt sich, die Krisenherde auch lokalisiert zu bekämpfen. Der auf die Stabilisierung der Preise durch Dämpfung der Nachfrage ausgerichtete allgemeine Kurs der Wirtschaftspolitik ist trotz einem anfänglich starken Druck aus Wirtschafts- und Gewerkschaftskreisen eingehalten worden.