Von Heinrich David

In München bemühten sich zweitausend Chirurg gen, in Wiesbaden mehr als zweitausend Internisten, die verwirrende Fülle neuer Krankheitsvarianten und neuer Heilmethoden auseinander- und zusammenzuhalten. Den Mittelpunkt ihrer Gespräche bildete zweifellos das Herz, dem man – angesichts der wunderlichen und folgenschweren Exzentrizität des Kopfes bei allen höher entwickelten Lebewesen – seine Rolle als „Zentralorgan“ schwerlich bestreiten kann. Für sein Wohl war früher die innere Medizin allein zuständig, heute teilt sie sich mit der Operationskunst in die Verantwortung ...

Von den Tagungen der Kinderärzte, der Neurologen und Psychiater, der Tuberkuloseärzte, Unfallärzte, Pathologen, Histologen und Kreislaufforscher unterscheiden sich die beiden großen Versammlungen der Chirurgen und der Internisten vor allem durch ihren Anspruch, nicht nur ein Spezialgebiet, sondern die ganze oder – wenn man Chirurgie und innere Medizin als die Summe der Heilkunde ansieht – wenigstens jeweils die halbe Medizin zu vertreten. Vor allem die Internisten sind Anwälte des alten Hausarzt-Ideals.

Hilft nun dieses Ideal, auf das unser Medizinstudium zugeschnitten ist und bleibt, dem Patienten, der mit Herzbeschwerden im Ordinationszimmer sitzt?

Ja und nein. Nein, denn man wird ihn zwecks Aufzeichnung eines Elektrokardiogramms zum Spezialisten schicken. Ja, denn dieses EKG allein wird keinen Arzt verführen, eine Diagnose zu stellen. Es macht sich hier eine tiefe Unzufriedenheit bemerkbar; die Elektrokardiographie hat nicht alles gehalten, was sie versprach. Das EKG läßt oft genug die verschiedensten Diagnosen zu. Das EKG-Malaise regiert die Stunde.

Freilich gäbe es diese elektrischen Abbilder der Herztätigkeit nicht, so könnte man gerade die großartigsten, lebensentscheidenden Eingriffe nicht einmal wagen: die Katheterisierung, die Operation am unterkühlten Herzen, den Einsatz der Herz-Lungen-Maschine. Und mit welchem Erfolg diese erstaunlichen Wagnisse heute unternommen werden, zeigte der Chirurgenkongreß; die Internisten unterhielten sich indessen darüber, wie sie das Operationsrisiko durch noch genauere EKG-Deutung und Heilmittelanwendung während des Eingriffs mindern könnten. Hier also, wo es auf Tod und Leben geht, müssen Chirurg und Internist nebeneinanderstehen.

Warum dennoch das EKG so oft bei den alltäglichen Diagnosen, bei den leichteren Fällen – aus denen sich aber leider täglich die schweren entwickeln – so wenig weiterhilft, bleibt offen. Vielleicht stehen wir kurz vor neuen, wichtigen Erkenntnissen über die Feinstruktur des Herzens, der „Reizleitungssysteme“ überhaupt. Vorerst tüfteln die Ärzte an den verschiedensten „Rhythmusstörungen des Herzens“ herum.