Sie mag ein bißchen unfair sein, diese Überschrift vom Menschenfresserbuch, denn es ist kein Buch, das hauptthematisch von Kannibalismus handelt, das nicht. Aber der Genuß – nein, welch ein Wort! – also das Verzehren von Menschenfleisch gefallener oder auch eigens getöteter Kameraden unter den auf Luzon versprengten und verhungernden japanischen Soldaten nimmt einen mehr als bemerkenswerten und jedenfalls weniger als appetitlichen Raum in dem Buch ein:

Shohei Ooka: „Feuer im Grasland“; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 221 S., 14,80 DM. Die Schilderung vom Leiden einer verlorenen Armee, auf japanisch „Nogi“, von den Ängsten, den Schmerzen, dem Hunger der einzelnen, die das Strandgut der verbrecherischen japanischen Kriegsmaschine wurden und auf den Philippinen, wie auf vielen sonstigen Inseln und Dickichten dieses Kriegsschauplatzes, dem fast sicheren Tode entgegensiechten, von einem dieser Unglücklichen geschrieben, die wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkamen, gilt in Japan als einer der bedeutendsten Kriegsromane und wurde dort in hunderttausend Exemplaren verkauft. Was ihm bei uns schwerlich beschieden sein wird, denn er besagt uns nicht viel, außer daß er uns kräftig abstößt.

Man mag die Direktheit, die Kühle, die Nüchternheit, die Sachlichkeit dieses Berichts anerkennen und, ohne an einem Zuviel von Selbstbemitleidung Anstoß nehmen zu müssen, zur Kenntnis nehmen, was sich da alles im Kielwasser eines extrem scheußlichen Massenraubmordes zugetragen hat. Aber die Mentalität dieses in den tiefsten Schlamm des Soldatentums. gesunkenen und ziemlich verworren philosophierenden japanischen Christen, diese Mischung von Kitsch, Krampf und Kannibalismus ist uns doch außerordentlich fremd; und zudem sind wir leider entsetzlich abgebrüht: Wir sind überzeugt, daß unsere Soldaten in Stalingrad noch zehnmal Grausameres durchgemacht haben, und die besten Schilderungen, die davon handeln, sind auch erheblich einprägsamer als dieses Feuer im Grasland, welches übrigens wohl symbolisch als Fegefeuer gemeint ist. Der Soldat Tamura, der diesen Dokumentarbericht erstattet, nimmt menschlich nur sehr vage Konturen an, die sich weder in den hektisch-trockenen Gesprächen noch in den symbolischen Betrachtungen über Graslandfeuer, Kruzifix und Erlösung verdeutlichen.

Wie aber die Kehrseite der Medaille auch jenes fernöstlichen Krieges nun eigentlich gewesen ist, dessen werden wir schaudernd einmal wieder gewahr. MBS