Auch der zweite Roman in Lawrence Durrells großer Tetralogie bringt keine Erlösung

Von Paul Hühnerfeld

Als Lawrence Durrells erster Teil einer Tetralogie – „Justine“ – im vergangenen Herbst in Deutschland erschien, war das eine literarische Sensation. So ähnlich muß auf die Zeitgenossen eines Hemingways „A Farewell to Arms“ oder früher die Veröffentlichung von Hamsuns „Hunger“ gewirkt haben. Damit ist noch kein Werturteil über Durrells Buch gesprochen: Wir Zeitgenossen können uns irren, auch wenn wir „zünftige“ Rezensenten sind.

Wie dem auch sei: wer literarisch interessiert war (und in Deutschland nimmt die Zahl der literarisch Interessierten glücklicherweise wieder zu), hat im Herbst und Winter nicht ganz ohne schadenfrohen Humor beobachtet, wie gewissermaßen unter der Oberfläche der Pasternak-Hausse bei einer kleinen Gruppe ein durch keinen Preis entfachtes Feuer der Begeisterung brannte: ein Feuer für Lawrence Durrell, dem Walter Jens bescheinigte, daß er, „wenn es gerecht zugeht...“, den „Nobelpreis erhalten müsse“.

Jetzt ist das zweite Buch da. Und wenn es wahr ist, daß ein gutes Buch zu schreiben zwar schwer, aber möglich ist, zwei dagegen fast unmöglich, dann hat Durrell jetzt einen schweren Stand. Überdies hat er einen kritischen Maßstab für sich geschaffen, der nach „Justine“ kaum noch höher liegen kann: den Maßstab eines modernen literarischen Romans unserer Jahrhundertmitte: Seitdem „Justine“ erschienen ist, kann ein Romancier, wenn er Anschluß an die Weltliteratur halten will, eigentlich nicht mehr so schreiben wie vorher. Das neue Buch, von der anglo-amerikanischen Presse – dies sei gleich, vorweggenommen – überschwenglich gefeiert und als Steigerung gegenüber „Justine“ empfunden, heißt:

Lawrence Durrell: „Balthazar“, aus dem Englischen von Gerda v. Uslar und Maria Carlsson; Rowohlt Verlag, Hamburg; 266 S., 15,80 DM Die Leser von „Justine“ werden sich erinnern: Balthazar ist jener ägyptische Arzt, der nicht nur Patienten heilt, sondern die Kabbalah deutet, schon in „Justine“ eine geheimnisvolle Persönlichkeit, hier aber ein Mann, der direkt der alexandrinischen Akademie des Erasistratos in 2. Jahrhundert vor Christus zu entstammen scheint; damals war’s, als jene niemals mehr recht wiederholbare Mischung von platonische-Philosophie, aristotelischer Naturwissenschaft; arabischer Stern- und Kräuterkunde dort in Alexandrien eine Medizin gebar, die ja vielleich: auch die Medizin des Abendlandes geworden wäre, wenn die Schlacht bei Tours und Poitiers einen anderen Verlauf genommen hätte.

Verlorene Geheimnisse