G. Z., Bauerbach

Wir fanden es gut (DIE ZEIT vom 26. März), daß in Baden-Württemberg der Schulunterricht neuerdings nicht vor 7.45 Uhr beginnen darf. Andere wiederum fanden das schlecht – etwa der Präsident der baden-württembergischen Bauernverbände, Heinrich Stooß. Er hat jetzt Kultusminister Dr. Stoß gebeten, den neuen Schulbeginn-Erlaß für die Volksschulen auf dem Lande aufzuheben.

Für die Schulen in ländlichen Gemeinden sollte nach Stooß’ Vorschlag verfügt werden: Unterrichtsbeginn im Sommer nicht vor 7.00 Uhr, im: Winter nicht vor 7.30 Uhr.

„Auf dem Lande steht man früher auf als in der Stadt“, begründen die Gegner ihre Einwände gegen den neuen Erlaß. „Man muß die besonderen Gegebenheiten des Lebens in den bäuerlichen Gemeinden berücksichtigen. Was für eine Stadtschule gut ist, gilt nicht ohne weiteres für den Schulbetrieb im Dorf. Hier spielt während der Sommermonate die Mitarbeit der Kinder zu Hause und auf dem Felde eine wichtige Rolle. Die Schule muß sich darauf einstellen.“

Bauerbach im Kraichgau ist eine – der recht selten gewordenen – Dorfgemeinde mit überwiegend bäuerlicher Bevölkerung, Fängt nun in Bauerbach der Tag früher an als in Stuttgart oder Freiburg? Der Ratsschreiber, der seine 1012 Bauerbacher kennt, ist davon gar nicht so überzeugt. „Vor zwanzig Jahren ganz bestimmt, aber heute...?“ So gegen 8.00 Uhr etwa gingen die Bauern zur Zeit aufs Feld. Im Sommer natürlich früher. „Mit dem ersten Hahnenschrei steht kaum noch jemand auf.“

Bei den meisten Familien klingelt der Wecker um 6.00 Uhr. „Ein Fabrikarbeiter in Mannheim wird auch nicht länger im Bett liegen können“, meint ein Bauer, der in die Sprechstunde des Ratsschreibers kommt. Der Ratsschreiber nennt ein Beispiel: „Früher mußten die Bauern bei der Heuernte um drei Uhr morgens draußen sein, weil das Gras zum Mähen noch taunaß sein mußte. Heute können sie gar nicht vor neun Uhr anfangen, weil für die Mähmaschinen das Gras trocken sein muß.“

Traktoren und Maschinen haben den Rhythmus des bäuerlichen Arbeitstages verändert. Das ist gewiß eine Binsenweisheit – und die Stundenpläne in vielen Dorfschulen haben sich auf die Änderung eingestellt, schon ehe der Kultusminister anordnete: Schulbeginn nicht vor 7.45 Uhr. „Es ist schon einige Jahre her, daß wir von 7.00 Uhr auf 7.30 Uhr übergegangen sind“, sagt Bauerbachs Lehrer, ein im Schuldienst ergrauter Pädagoge. Zusammen mit einem Junglehrer unterrichtet er 120 Kinder in zwei Klassenräumen.