Aber die Entwicklung geht immer weiter nach links

Von B. J. Modi

Casablanca, im April

In dem eleganten Geschäftsviertel Casablancas erhebt sich das Gebäude der UMT, das Hauptquartier des marokkanischen Gewerkschaftsbundes. Kaum würde man es von den Prachtbauten rundherum unterscheiden, wenn es nicht durch einen roten Stern an seiner Front gekennzeichnet wäre und überdies durch ungezählte, schäbig gekleidete armselige Figuren, die den Eingang belagern. Ein wenig weiter aufwärts in der gleichen Straße demonstrieren vor dem Marhaba-Hotel einige Leute gegen das Hotel-Management, das ihre Zugehörigkeit zur Gewerkschaft nicht anerkennt und nicht bereit ist, über höhere Löhne zu verhandeln.

Die UMT ist zu einer sehr mächtigen Organisation in Marokko geworden. Neben Armee und Polizei ist sie der einzige ernstzunehmende Faktor. Ihr Führer Saddiq Mahjoub, der einst Angestellter der Eisenbahn war und ein überzeugter Linkspolitiker ist – manche meinen, er unterscheide sich nicht allzuviel von dem, was man in Amerika einen fellow traveller nennt – gehört zu den starken Männern des heutigen Marokko. Auch Abdullah Ibrahim, der im Dezember 1951 Ministerpräsident des Landes wurde, kommt aus der Gewerkschaftsorganisation. Er war soeben als Abgesandter Marokkos in Beirut zur Konferenz der Arabischen Liga und hat dort für Kassem und gegen Nasser Stellung genommen.

Hinter Ibrahim steht die neue Istiklal-Partei von Ben Barka, die sich im Januar 1959 von dem alten Istiklal abgespalten hat. Während der alte Istiklal seinen Rückhalt weiterhin bei den Massen auf dem Lande hat und eine starke Betonung auf das Religiöse legt, ist der neue ganz ausgesprochen sozialistisch eingestellt und wird vor allem von der Intelligenz und dem Proletariat in den Städten gestützt. An der Spitze des alten Istiklal stehen Vertreter der früheren führenden Schicht: Al Fassi und Balafray, die ihn ganz im Sinne der alten großen nationalen Bewegung leiten. Sie sind für Ben Barka, den Führer des neuen Ablegers, der stark links orientiert ist, nichts anderes als alte Reaktionäre.

Neutralismus ist ihr Ideal