Die Neuordnung der deutschen Krankenversicherung – Geschäft mit der Lohnfortzahlung

Eine Reportage von Heinz Stuckmann und Albert Schiefer

Fast alle Beteiligten sind sich darüber einig, daß eine „Neuordnung der deutschen Krankenversicherung“ notwendig ist. In der ersten Folge unserer Reportage zeigten wir, daß unsere gesetzliche Krankenversicherung trotz aller Wandlungen immer noch auf jenem Fundament steht, das im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts gelegt wurde. Damals hatte der Gesetzgeber die Aufgabe, die Ärmsten der Armen, die proletarisierten Industriearbeiter, vor den wirtschaftlichen Folgen einer Krankheit zu schätzen. Eine Krankheit des Ernährers bedeutete in den Arbeiterfamilien oft Not und Elend auf Monate hinaus. Was damals notwendig war, kann heute unter völlig geänderten Verhältnissen nicht immer noch gut sein. Das erste Gesetz war für zehn Prozent der Bevölkerung gedacht. Seitdem ist der Lebensstandard erheblich gestiegen. Es gibt keine Proletarier mehr. Aber heute werden 80 Prozent unserer Bevölkerung so von der gesetzlichen Krankenversicherung betreut, als wären sie noch jene absolut hilfsbedürftigen Armen. Wie ist heute die Situation beim Arzt, im Betrieb, bei den Kassen und beim Patienten, die Situation, auf die unsere neuen Gesetze abgestimmt werden müssen? Das sind die Fragen, die unsere Mitarbeiter Heinz Stuckmann und Albert Schiefer in diesem zweiten Teil klären wollen.

Wir waren um 20.30 Uhr verabredet. Der Landarzt hatte am Telephon gesagt: „Früher brauchen Sie auf keinen Fall zu kommen. Bis 20 Uhr mache ich Hausbesuche. Und dann muß ich noch etwas essen.“

Der Landarzt Dr. Huber war schon wieder unterwegs, als wir um 20.30 Uhr an seiner Haustür schellten. Seine Gattin entschuldigte ihn: „Vor zehn Minuten hat die Polizei angerufen. Auf der Chaussee ist wieder was passiert. Wir warteten bis 22 Uhr und wollten schön wieder nach Hause fahren. Da bogen zwei Kraftwagen in den Hof ein, der weiße der Polizei und der dunkle des Arztes, Und dann dauerte es nochmals fünfzehn Minuten. In dieser Zeit ging es um den Totenschein; denn der Arzt war zu spät gekommen. Die Polizei wollte ein Formular aus Rheinland-Pfalz haben, denn sie war die Polizei von Rheinland-Pfalz, und der Mann war auch in Rheinland-Pfalz gestorben. Der Arzt – in Nordrhein-Westfalen ansässig – hatte aber nur Totenscheine aus Nordrhein-Westfalen...

Kirmes im Dorf

Um 22.15 Uhr saßen wir uns beim Wein gegenüber. Der alte Herr war ein wenig abgespannt, ein wenig müde. Sicherlich war er siebzig Jahre alt und hatte einen schweren Vierzehn-Stunden-Tag hinter sich: Von 7 bis 9 Uhr Hausbesuche, von 9 bis 12 Uhr Sprechstunde, danach wieder Hausbesuche, Sprechstunde Und die Hausbesuche am Abend – und dann noch der tote Kraftfahrer. Zwölf Stunden sind sein normales Arbeitspensum.