Die Schering AG, Berlin, hat unter den nach dem Zusammenbruch erfolgreichen deutschen Unternehmen eine besonders erstaunliche Entwicklung hinter sich gebracht. Die gesamte chemische Ausrüstung, die von unmittelbarer Kriegseinwirkung weitgehend verschont geblieben war, wurde von den Besatzungsmächten 1945 restlos demontiert. Die Auslandsbeteiligungen, vor allem in USA, wurden beschlagnahmt, die nicht unbeträchtlichen Anlagen in Ostberlin wurden bei der Spaltung der Stadt enteignet. Die Berliner Bankkonten waren lange Zeit gesperrt, und als die Produktion unter großen Mühen wieder in Gang gebracht werden konnte, mußte sie sich notgedrungen auf einen Teil des einstigen Programms beschränken. Bisher waren die Sparten Pharmazeutika, Pflanzenschutzmittel und Galvanobedarf die mit erheblichen Forschungs- und Entwicklungskosten belasteten Arbeitsgebiete der verbliebenen Werke in Westberlin und Wolfenbüttel, während die früher bereits betriebene Erzeugung von Industriechemikalien und eines Kunststoffes auf Zellulosebasis aus Raum- und Finanzgründen unterbleiben mußte. Dieser Einengung entsprach die Kapitalumstellung, die wegen der Berliner Verhältnisse erst Ende 1951 vorgenommen werden konnte und einen Schnitt im Verhältnis 10:3,5 von 64 Mill. RM auf 22,4 Mill. DM brachte. Inzwischen haben sich die Aktionäre viermal unter günstigen Bedingungen an Kapitalerhöhungen auf zuletzt 70 Mill. DM beteiligen können, und der Kurs der Schering-Aktie, die nur den Bruchteil des Anlagewer:es einer Nachfolgegesellschaft der IG-Farben repräsentiert, bewegt sich seit längerer Zeit trotz der bekannten politischen Belastung der „Berlin-Werte“ etwa in der gleichen Höhe wie derjenige der Farben-Nachfolger.

Aus diesem Grunde hat Schering seit etwa vier Jahren in seinen Laboratorien darauf hingearbeitet, entsprechend den Bedürfnissen der Gegenwart und absehbaren Zukunft die Produktion von Industriechemikalien und gegebenenfalls Kunststoffen wieder aufzunehmen. Fast in letzter Minute vor einem anderweitigen Entschluß bot sich die Möglichkeit, von der Harpener Bergbau AG, Dortmund, das gesamte Aktienpaket der Chemischen Werke Bergkamen AG, Bergkamen (Westfalen), im Nennwert von zwölf Mill. DM zu erwerben. Bergkamen erzeugte bisher im wesentlichen Benzin nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren, dessen industrielle Auswertung auf Hitlers und Görings Autarkiebestrebungen zurückgeht. Das unter privatwirtschaftlichen Verhältnissen unrationelle Verfahren ist heute fast uninteressant geworden.

Das zur Realisierung der Pläne erforderliche Kapital soll eine Wandelanleihe von 21 Mill. DM erbringen, zu der eine aoHV nach den überzeugenden Darlegungen der Verwaltung ohne Diskussion und ohne Gegenstimmen die Ermächtigung erteilt hat. Bei einem Ausgabekurs zu pari und einer Verzinsung von 5 1/2 v. H. ist nach fünfeinhalb tilgungsfreien Jahren eine Laufzeit von längstens zehn Jahren vorgesehen. Die Schering-Verwaltung als Schuldnerin hat gleichzeitig durch die weiteren Konditionen erkennet lassen, daß sie ihre Aktionäre nicht zu enttäu schen gedenkt. Ihnen wird ein Bezugsrecht auf die Obligationen im Verhältnis 10:3 geboten und darüber hinaus die Möglichkeit, zu gegebener Zeit ihre Schuldverschreibungen im Verhältnis 3:2 in Schering-Aktien umzutauschen. Zu diesem Zweck wurde die bedingte Kapitalerhöhung bis um höchstens 14 Mill. DM ebenfalls genehmigt, was einem Bezugsrecht im Verhältnis 5:1 entspricht. Bei dem derzeitigen Börsenkurs in der Nähe der Marke von 400 v. H. bedeutet dies, wie Dr. Wilhelm Borner vom Vorstand mit einigem Stolz feststellen konnte, ein „beachtliches Entgegenkommen“.

Eine Freude bereitete Borner den Schering-Aktionären mit der Ankündigung, daß der Abschluß für 1958 zwar noch nicht fertiggestellt, der Termin für die HV jedoch bereits auf den 9. Juni festgesetzt sei und der Dividendenvorschlag eine Gewinnausschüttung von 13,5 v. H. auf das volle AK von 70 Mill. DM vorsieht. Für 1957 waren auf das alte AK von 50 Mill. DM 11 v. H. Dividende verteilt worden. Der erforderliche Reingewinn ist von 4,95 Mill. DM auf 9,45 Mill. DM gestiegen. Der Zuwachs ist, wie Dr. Borner erklärte, ausschließlich eine Folge der ermäßigten Körperschaftssteuer, deren Auswirkungen damit voll an die Aktionäre weitergegeben werden. gns.