"Uns war immer schon klar, daß man stark sein muß, um mit dem Feinde zusammenleben zu können. Wir haben unser möglichstes getan. Wir haben unserem Lande die Atomenergie gegeben; wir haben ihm die Atombombe gegeben; wir kamen der Kapitalistenklasse sogar zuvor und schufen die Wasserstoffbombe, bevor sie sie, hatten . Wir wissen, daß die bürgerlichen Politiker müßige Schwätzer sind . Sie glauben, sie könnten uns einschüchtern, aber uns kann nichts schrecken, denn was eine Bombe ist, wissen wir genausogut wie sie " Am nächsten Tag, dem 16. Juni, wurde die Rede Chruschtschows in der Prawda und Iswestja veröffentlicht, aber die soeben zitierten. Sätze fehlten. Chruschtschow dürfte auf einer Präsidiumssitzung dafür nicht wenige scharfe Angriffe zu hören bekommen haben.

Bei dem Besuch de britischen Labour Delegation im Sommer 1954 gewann Aneurin Bevan — sicher zu Recht — den Eindruck, daß Chrul schtschow zu jener Zeit keineswegs von den übrigen Mitgliedern des Parteipräsidiums als Führer angesehen wurde. In einem Ende September 1954 veröffentlichten Aufsatz berichtete Bevan über Chruschtschow: "Er ist eine aggressive, kraftstrotzende und extrovertierte Persönlichkeit. Er sprach viel und predigte uns mehr vor als alle änderen :, Obwohl er am meisten hervortrat, beeindruckte er uns doch nicht als der tüchtigste Führer. Es fehlt ihm an Scharfsinn, und bei ein oder zwei Gelegenheiten schien er nicht fähig, den Argumenten zu folgen. Seine Kollegen hörten seinen Reden in einer Art belustigter Toleranz zu, weit entfernt von der Ehrerbietung, die dem Nachfolger Stalins eigentlich gebührt " Selbst im Frühjahr 1955, nachdem Malenkow gestürzt und Bulganin an dessen Stelle die Regierung übernommen hatte, mußte, Chruschtschow schwere Vorwürfe einstecken. In einem Prawda Artikel vom 20. April 1955 wurde er öffentlich in seine Schranken verwiesen: "Lenin lehrte uns die Kollektivität in der Arbeit, er erinnert uns oft daran, daß alle Mitglieder des Politbüros gleichberechtigt sind und daß der Sekretär (lies: Chruschtschow) zwecks Durchführung der Beschlüsse des ZK der Partei, gewählt wird Wehige Tage später erläuterte die parteioffizielle Zeitschrift Kommunist, "daß nur die kollegial zustande gekommenen Beschlüsse des ZK. ausschließlich nur sie vom Sekretär des ZK der Partei in die Tat umgesetzt wurden. Andernfalls kann die Arbeit des ZK nicht richtig laufen". Erst im Sommer und Herbst 1955 gelang es Chruschtschow mit Hilfe des Parteiapparats seine Stellung erneut zu festigen. Nachdem er auf dem 20. Parteitag den Rechenschaftsbericht gegeben, anschließend in der Vormittagssitzung des 25Februar 1956 die berühmte Geheimrede gehalten und nach dem 20. Kongreß das ZK Sekretariat durch seine Leute verstärkt hatte, schien es kein Hindernis mehr zu geben auf dem Weg zur Macht. Aber eineinhalb Jahre später durchlebte Chruschtschow Tage, wie sieStalin auf der Plenarsitzung im Mai 1924 hatte durchmachen müssen. Am 15. Juni 1957 veröffentlichte die Prawda ein riesiges Photo auf der Titelseite. Mnlenkou;, Molotow, Kaganowitsch, Schepilow, Suslow und Mikojan begrüßten lächelnd Chruschtschow und Bulganin, die von einem Staatsbesuch aus Finnland zurückkehrten. Völlige Eintracht schien zu herrschen — aber das Bild trügte.

Am gleichen Tage wurde überraschenderweisedie für den 30. Juni angesagte traditionelle Luftparade über Moskau abgesagt. Als Begründung wurden schlechte meteorologische Verhältnisse angegeben. Im Westen stellte man sofort fest, daß diese Begründung nicht stimmte. Offensichtlich gab es andere Gründe, die es nicht ratsam erscheinen ließen, am 30. Juni 1957 Flugzeuge über Moskau fliegen zu lassen.

Am 18. Juni begann eine Sitzung des Parteipräsidiums. Die offizielle Tagesordnung war: "Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 250jährigen Jubiläum der Stadt Leningrad Aber bald zeigte sich, daß andere Fragen als das Leningrader Jubiläum auf der Tagesordnung standen, nämlich Angriffe gegen Chruschtschow. Chruschtschow wurde vorgeworfen, von den Beschlüssen der kollektiven Führung abgewichen zu sein. Seine Landwirtschaftspolitik sei eine "rechtsbäuerliche Abweichung". Die überhastete Reorganisierung der Wirtschaftsleitung und seine ideologischen Eskapaden wurden ihm schwer angekreidet, "Sprich weniger, gib den Leuten mehr zu essen", soll Molotow Chruschtschow vorgeworfen haben. Nach durchaus glaubwürdigen Berichten soll auf dieser Tagung die Absetzung Chruschtschows vom Posten des Ersten Sekretärs der Partei und seine Degradierung zum Minister für Landwirtschaft vorgeschlagen worden sein. Molotow sollte zum Ersten Parteisekretär, Malenkow zum Ministerpräsidenten ernannt werden.

Alles stand auf dem Spiel. Chruschtschow aber war auf seiner Hut: es gelang ihm, die Forderung durchzusetzen, diese Fragen auf der Vollsitzung des Zentralkomitees zu diskutieren. Die Zwischenzeit wurde ausgenutzt, um die Parteifunktionäre in den Provinzen zu alarmieren und mit Flugzeugen nach Moskau zu bringen. Alles kam für Chruschtschow darauf an, Zeit zu gewinnen. Jekaterina Furzewa soll sechs Stunden hintereinander gesprochen haben, um die Sitzung so lange hinzuziehen, bis die Chruschtschow Anhänger in Moskau eintrafen.

Vom 22. Juni an tagte nun das gesamte Zentralkomitee — 133 Mitglieder und 122 Kandidaten. Anfangs befanden sich Malenkow, Molotow, Kaganowitsch noch in der Offensive, aber bald sollte sich das Blatt wenden. Die Provinzfunktionäre standen treu zu Chruschtschow, und nun wurden Malenkow, Molotow, Kaganowitsch attackiert. Sie hätten die Wirtschaftsreform nicht unterstützt, hieß es, und versucht, durch "partei feindliche, fraktionelle Methoden personelle