Ein Engländer analysiert die englische Kritik an der Bundesrepublik

Von Anthony Sampson

London, im April

Seit Bundeskanzler Adenauer letzte Woche seine explosive Bemerkung über die „Drahtzieher“ machte, die das englisch-deutsche Verhältnis „systematisch verschlechtern“, ist in England eine intensive Seelenerforschung im Gange. Hat Dr. Adenauer etwa recht?

Es läßt sich gewiß nicht leugnen, daß die Beziehungen zwischen Deutschland und England derzeit eine schwierige Phase durchlaufen. Jenseits des Kanals sind in letzter Zeit Ressentiments aufgebrochen, die lange geschlummert hatten. Sie lassen sich wohl in erster Linie auf ein Gefühl von Neid und Eifersucht zurückführen. Selbst der konservative Daily Telegraph räumte das letzte Woche in einem Leitartikel ein: „Ein Gutteil der Kritik, die jetzt in London zu hören ist, entstammt ebensosehr der Eifersucht auf die gut funktionierende bundesrepublikanische Marktwirtschaft und auf ihre Außenhandelserfolge wie dem zählebigen Mißtrauen in Deutschlands Absichten und Hoffnungen.“ Und ohne Zweifel wirkt bei einem Teil der Engländer auch noch immer die Furcht vor einem militärisch wiedererstarkten Deutschland fort.

Diesen alten Sorgen haben nun die Ereignisse der zurückliegenden Monate neue Nahrung zugeführt: zumal der Zusammenbruch der Verhandlungen über die Freihandelszone und die deutsche Weigerung, einem regionalen Abrüstungsplan zuzustimmen. Häufig trifft man ferner die Ansicht an, die Bundesrepublik sei England in Sachen Freihandelszone in den Rücken gefallen, Adenauer habe die Versprechen gebrochen, die Bundeswirtschaftsminister Erhard den Briten gegeben hätte. Die Sorge über Englands Ausschluß aus dem Gemeinsamen Markt aber trägt zusammen mit der Tatsache, daß Westdeutschland soeben England von der zweiten auf die dritte Stelle im Weltexport verwiesen hat, erheblich zur Bitternis der Gefühle bei. In dieser gespannten Atmosphäre nehmen dann so nebensächliche Zwischenfälle wie letzte Woche die Verwundung eines britischen Soldaten durch den Schuß eines deutschen Bauern groteske Proportionen an.

Angesichts solcher Verbitterung bedarf es denn gewiß keiner „Drahtzieher“, um das Verhältnis zwischen den beiden Ländern zu verschlechtern. „Sind wir gemein zu den Deutschen?“ fragte am Sonnabend der Daily Telegraph. Er gab selbst folgende Antwort darauf: „Es braucht gar keine Verschwörung. Denn es gibt antideutsche Gefühle, ohne daß sie künstlich inspiriert werden müssen... Es ist ganz nutzlos, so zu tun, als sei die Nachkriegsheirat zwischen Briten und Deutschen in erster Linie eine Liebesheirat gewesen. Sie wurde beiden Partnern von den Kanonen der Roten Armee aufgezwungen ...“