In letzter Zeit wurden jährlich über 100 Millionen Krankenscheine in der Bundesrepublik ausgegeben. Auch dies zeigt, wie bedenkenlos die Kassen beansprucht werden; denn so viele Kranke dürfte es wohl in einem Jahr nie geben – selbst dann nicht, wenn man jeden Bagatellfall berücksichtigt. Dieses Krankenschein-Sammeln hat allerdings mit dem Lohnfortzahlungsgesetz wenig zu tun. Dessen Folgen kann man allein, an der Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle und deren Dauer ablesen. Heute hört man nun oft, da sei gar nichts Auffälliges mehr zu entdecken, die Krankenstände seien zurückgegangen und hätten sich wieder eingependelt.

Aber die Krankenstände sind auch heute noch höher als in der vergleichbaren Zeit vor Verabschiedung des Lohnfortzahlungsgesetzes. Im März 1958 rechnete der Bundesvorstand der Ortskrankenkassen mit einem halben bis einem Prozent mehr Krankmeldungen der Versicherten als Folge des Lohnfortzahlungsgesetzes. Das hat sich inzwischen bewahrheitet. Auch dauern die Krankheiten heute länger an als vor dem Sommer 1957. Deshalb haben sich die Beiträge noch immer auf ihrem überhöhten Stand gehalten – und hier beginnt die Sache nun für jeden einzelnen Versicherten interessant zu werden.

Es ist nämlich offensichtlich nur ein kleiner Teil der Arbeitnehmer, der das Gesetz sehr intensiv ausnutzt. Im Januar 1958 teilte der Obervertrauensarzt Stüvermann in der Zeitschrift „Die Krankenversicherung“ mit: „Von den vor 1951 Eingestellten eines großen Werkes meldeten sich 5,7 v. H. grippekrank, von den zwischen 1951 und 1956 Eingestellten 17,8 v. H., und von den Neueingestellten des Jahres 1957 nicht weniger als 40 v. H. Ferner stellte die Industrie fest, daß die jungen Arbeiter offenbar eher für Krankheiten anfällig sind als die älteren. Mit anderen Worten! unsere Krankenkassen werden offenkundig am liebsten von denen in Anspruch genommen, die den Betrieben nur wenig integriert sind, die sich mit ihrer Arbeitsstätte noch nicht verbunden und den Arbeitskollegen nicht verpflichtet fühlen. Es liegt aber gerade im Interesse der verantwortungsbewußten Arbeiter, daß sie vor dieser Minderheit geschützt werden – denn diese Minderheit zehrt die Beträge auf.

Diese Bedenkenlosigkeit wirkt ansteckend. Die überhöhten Beiträge reizen nämlich geradezu, die Kassenleistungen immer mehr in Anspruch zu nehmen. Letzthin ist der Zwangsbeitrag für den Arbeitnehmer ja ein „vorenthaltener Lohn“. Je größer dieser „vorenthaltene Lohn“ wird, desto mehr muß er versucht sein, sich auf dem Umweg über den Arzt und die Apotheke einen Teil des Lohnes wieder „zurückzuholen“. Ein unheilvoller Kreislauf hat begonnen...

Das Lohnfortzahlungsgesetz und die Grippewelle sind nicht die Ursachen dieser Entwicklung gewesen, sie haben sie nur überdeutlich gemacht. In das Gebäude der gesetzlichen Krankenversicherung, für die Hilfsbedürftigen errichtet, sind heute 80 v. H. der Bevölkerung hineingepfercht worden. Niemand wird behaupten wollen, sie alle wohnten gern darin und sie alle seien schutzbedürftig. Dieses Haus, einst aus Grosdienbeträgen erbaut, wird heute unterhalten, indem man der Mehrzahl der Versicherten 7 bis 9 v. H. ihres möglichen Lohnes von vornherein abnimmt. Niemand läßt sich gern solche Summen abpressen, damit sie zu beachtlichen Teilen in die Taschen dessen fließen, der auf der Klaviatur unserer Sozialeinrichtungen die Taste zu spielen weiß. Unter solchen Umständen wird die Solidarität überfordert.