T. K., Berlin, im April

Einen Ehekrach muß die Brigade schlichten.“ Die Sozialistische Einheitspartei ist im Begriff, neue Pläne zu verwirklichen, durch die nun auch die private Sphäre erfaßt und reglementiert werden soll. In dem Staate, den sie nach ihrem Bilde vom Menschen formt, wird künftig nicht nur die Arbeit kollektiviert sein, sondern auch die Freizeit. „Brigaden der sozialistischen Arbeit“ werden in Betrieben gebildet, und Kollektive junger Sozialisten in der Nationalen Volksarmee“ schließen Patenschaftsverträge ab mit Mädchengruppen der „Freien Deutschen Jugend“ und des „Demokratischen Frauenbundes!

Es genügt den deutschen Kommunisten, die in Ostberlin eine geliehene Macht ausüben, nicht mehr, die ökonomischen Verhältnisse zu ändern – und eine entsprechend der Theorie des „historischen Materialismus“ daraus notwendigerweise folgende Veränderung aller Lebensverhältnisse abzuwarten – sie forcieren jetzt den Prozeß durch direkte neue Angriffe auf das „gesellschaftliche Bewußtsein“ der Bürger des SED-Staates.

Wie alle ideologisch fundierten Aktionen des Kommunismus, so macht sich auch diese neue Werbung um eine Kollektivierung des alltäglichen Privatlebens das bürgerliche Vakuum, die westliche Ratlosigkeit zunutze. Bei uns gibt es vorzügliche soziologische Untersuchungen über das „Freizeitverhalten“ des Menschen in der industrialisierten Gesellschaft; Psychologen und Philosophen, Kulturkritiker und Künstler beschäftigen sich mit dem Problem, was die Fünftagewoche sozial und individuell für Konsequenzen haben wird. Aber fanden wir einen sinnvollen Inhalt für unsere Freiheit?

Im Bereich kollektivistischer Planwirtschaft wird zunächst durch die Normenschraube die Arbeit zum Zentralpunkt gemacht; aber auch die verbleibenden Energien werden Zug um Zug auf die Mühlen der „neuen Gesellschaft“ geleitet. Sport und Spiel, selbst die Reise- und Wanderlust, ja am Ende sogar der allerpersönlichste Bereich, die Liebe zwischen zwei Menschen oder zwischen Eltern und Kindern – all das wird von den Kommunisten politisch Verstanden und politisch manipuliert.

Dieses in sich logische Konzept wird heute in Deutschland zwischen Oder und Elbe von Ulbricht mit der nüchternen Zielstrebigkeit eines Finanzbeamten realisiert. Die Soldaten der „Volksarmee“ sollen selbst „unter der Laterne, vor dem großen Tor“ auf ihre genossenschaftlich gedrillte Volks-Lilli-Marlen warten. Schwierigkeiten in der Familie, zum Beispiel ein Ehekrach, sind dem „Brigadier“ der neuen Einheits-Gemeinschaften zu melden und sollen von ihm geschlichtet werden. Im Hintergrund solcher Entwicklungen – heute, mitten in Deutschland – tauchen die Schatten der dunkelblau uniformierten Kommune-Kulis in „Volks-China“ auf.