Der Weg der Vernunft zwischen den unheilvollen Extremen

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn man bedenkt, welche Erregung sich der Deutschen bemächtigte, als bekannt wurde, daß der Kohlepreis voraussichtlich erhöht werden würde, dann ist man doch ein wenig verwundert, daß die offiziellen Äußerungen General de Gaulles zum Problem der Oder-Neiße in der deutschen Öffentlichkeit so sang- und klanglos verhallten Niemand hat etwas dazu gesagt. Keine Frage wurde laut.

Wenn man beobachtet, wie schnell in Bonn zu den Äußerungen verbündeter Staatsmänner kritisch Stellung genommen wird, sofern jene etwa von Verdünnung sprechen oder gar von Disengagement‚ dann ist man doch sehr verwundert über dieses Schweigen in der Bundeshauptstadt – mindestens verwundert.

Und wenn man sich erinnert, daß jedem, der sich laut Gedanken darüber macht, was wohl der Beitrag von unserer Seite zur Lösung der Deutschlandfrage sein könnte, vorwurfsvoll entgegengehalten wird: "Man deckt doch seine Karten nicht vor der Konferenz auf" und: "Jede Vorleistung ist Wahnsinn" (übrigens Einwände, die sich durchaus hören lassen), dann hat man gewiß das Recht, darüber zu staunen, daß de Gaulle’s vorleistende Erklärung ohne Kommentar blieb.

Bisher war Frankreichs offizielle Haltung zum Problem der deutschen Ostgrenze die gleiche wie die aller westlichen Alliierten. Auch sie war begründet durch das Potsdamer Abkommen (Juli 1945): "...die Häupter der drei Regierungen bekräftigen ihre Auffassung, daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll."

Jetzt hat nun als erster der Staatspräsident Frankreichs diesen Standpunkt verlassen. Er sagte, das normale Schicksal des deutschen Volkes sei eine Wiedervereinigung in Freiheit, sofern Deutschland seine heutigen Grenzen anerkenne. Ihm hat später Mendès-France, der Führer der nicht-kommunistischen Linken, ausdrücklich beigepflichtet, und vor ein paar Tagen hat nun auch der Labour-Abgeordnete Denis Healy im Unterhaus die Feststellung de Gaulles zum Anlaß einer mit jenem Standpunkt sympathisierenden Anfrage gemacht. Die parteiamtliche Trybuna Ludu in Warschau aber schrieb: "Die Erklärung de Gaulles muß man positiv bewerten, denn sie stellt die erste maßgebliche westliche Bestätigung der gegebenen Tatsache dar, daß die Grenzen Polens an der Oder und Neiße unabänderlich sind."