Tettnang, im April

Durch Oberschwaben führen die Bundesstraßen 30, 18 und 312 sowie andere Straßen in Richtung Bodensee; es ist eine weite, reichgegliederte Hochebene, die mit ihren Wiesen und Waldsäumen von den Abteilfenstern des D-Zugs Ulm–Friedrichshafen aus zu zwei grünen, fließenden Bändern werden. Man muß aussteigen, um die Vielfalt der Landschaft wahrzunehmen. Aber wer steigt schon aus?

Oberschwaben ist kein klassisches Reiseland wie das Bodenseegebiet oder der Schwarzwald. Das ist sein Vorzug. Als zusammenhängendes Fremdenverkehrsgebiet hat es jahrzehntelang in tiefem Dornröschenschlaf gelegen. Doch seit einiger Zeit sind gleich mehrere Prinzen unterwegs, es wachzuküssen: es sind die Reisebüros, die in ihren Prospekten den Großstädter mit der Einsamkeit der Wälder, der Verträumtheit der Dörfer und mit den Badefreuden abgelegener Weiher locken; der Kunstfreund wird auf die große Zahl bedeutender Sakralbauten aufmerksam gemacht. Hinzu kommt aber, daß man in Oberschwaben billig leben kann. Keine fünfzig Kilometer von den im Sommer überfüllten Bodenseegemeinden entfernt, nimmt man den sparsamen Sommerfrischler gegen einen recht bescheidenen Pensionspreis auf. – Für acht Mark je Tag findet man schon gute Herberge in den Landgasthöfen. Das ländliche Element ist freilich überall tonangebend. Zwar gibt es bewährte Orte für Moorbäder und Kneippkuren, wie Bad Waldsee, Bad Wurzach, Aulendorf, Schussenried und Buchau am Federsee, in denen der Fremde König ist. Aber für die gesellschaftlichen „Attraktionen“ des Fremdenverkehrs ist Oberschwaben nicht der geeignete Boden. Das alte Bauernland zwingt den Besuchern seinen natürlichen Lebensrhythmus auf.

Über das „Himmelreich des Barocks“ hat der Dämon der Technik keine Gewalt gewonnen. Die Industrie tritt in diesem dünn besiedelten Gebiet wenig in Erscheinung. Selbst die Städte sind keine „Ballungsräume“, und man findet, daß sich trotz Hochhäusern und anderen Zeugnissen des Fortschritts die Welt der „Abderiten“, zu denen Wieland in seiner Vaterstadt Biberach an der Riß angeregt wurde, kaum allzusehr gewandelt hat. Wer eine der alten Städte wie Ehingen und Riedlingen an der Donau, Saulgau, Weingarten, Ravensburg oder Tettnang wo man zur Spargelzeit unter fünfzig verschiedenen Spargelgerichten wählen kann, für seinen Aufenthalt wählt, wird nicht unter Unrast und hektischem Betrieb leiden; dafür ist zwischen den buntbemalten Stadttoren und den schmalen Fachwerkhäusern kein Platz.

In diesem stillen Ländchen kann man zahlreiche Entdeckungen machen: zum Beispiel, daß die Geologie, wenn die Landschaft den Anschauungsunterricht erteilt, keine trockene Wissenschaft ist. Auf einsamen Wanderungen erschließt sich die Schönheit der Wälder und der Obst- und Hopfengärten, an den Moorseen betritt man das Reich seltener Wasservögel. Hier und da steht noch eine uralte Hammerschmiede, und „am rauschenden Bach“ dreht sich träge ein Mühlenrad.

Was für die Ferienreisenden nördlich des Mains noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist, hat der Kunstfreund längst mit drei Sternen versehen. Was hier an Namen zu erwähnen ist, sind Stationen der Kunstgeschichte, die von der Gotik – wenn man den Ursprüngen nachgeht, von der Romantik – bis zum Klassizismus führen, Im Barock, das im Lande die schönsten architektonischen Blüten trieb und auch manche strenge Basilika zu einem Tummelfeld von Putten werden ließ, hat der Ausdrucksreichtum bedeutender Bau- und Ausstattungskünstler süddeutsche Frömmigkeit mit zeitentsprechender Freude am Überfluß verbunden. In Steinhausen hat Dominikus Zimmermann mit der Wallfahrtskirche eine architektonische Glanzleistung geschaffen, die dem Bauherrn, dem Schussenrieder Abt, teuer zu stehen kam: er mußte abdanken, weil er mit dieser Kirche sein Baukonto um mehr als das Dreifache überschritten hatte. Ebenso wie in Steinhausen entstanden in anderen ganz gewöhnlichen Bauerndörfern Kleinode sakraler Kunst. In Zwiefalten ist Johann Michael Fischers Abteikirche mit ihrer schwellenden Fülle und großartigen Dynamik ein einziges „Jubilate“. Der Besucher, der in Ochsenhausen oder in Weingarten, dem größten barocken Kirchenbau auf deutschem Boden, erlebt, wie die Gabler-Orgel barockes Lebensgefühl zum Klingen bringt, ahnt wieder die Einheit von Kunst und Glauben, die er längst verloren zu haben glaubte. Was er in solchen Kirchen erblickt, das theologische Programm, das Johann Georg Bergmüller in Ochsenhausen gegenständlich gemacht hat, die Stuckornamentik Feichtmayrs, mit der sich das Blühen und Wachsen des Klostergartens im Kirchenschiff fortsetzt, die herben Gesichter einer Pietà aus der Ulmer Schule des 15. Jahrhunderts – all das scheint weniger in die Transzendenz als vielmehr in die bäuerliche Wirklichkeit Oberschwabens zu weisen. Werner Sonntag