Ein Interview mit Vladimir Nabokov

Bei unseren westlichen Nachbarn ist seit Monaten der „Kampf um Lolita“ entbrannt, um jenen Roman also, den die einen als genialstes Erzählwerk der Nach-Joyce-Epoche preisen, während ihn die anderen als infame Pornographie empört ablehnen. Wir wollen dazu erst Stellung nehmen, wenn bei Rowohlt demnächst die deutsche Fassung erscheint. Als Vorbereitung für eine solche Stellungnahme bringen wir hier ein Interview unseres New Yorker Mitarbeiters mit dem Autor des Romans, Vladimir Nabokov.

Als wir ihn in dem New Yorker Wohnhotel aufsuchten, in dem er zeitweilig Aufenthalt genommen hatte, da trafen wir zuerst einmal einen Mann, liebenswürdig aufgeschlossen und aufrichtig, mit dem wir Berliner Erinnerungen austauschten. Denn Vladimir Nabokovs Vater war der Verleger und Chefredakteur der Zeitung „Rul“, des führenden Organs der russischen Emigration in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg; sie erschien im Hause Ullstein.

Der alte Nabokov stammte aus russischem Adel. Seine Familie hatte auch deutsches Blut in den Adern, zum Beispiel das der berühmten Komponistenfamilie Graun.

Während wir noch davon sprechen, fällt mir ein Photo auf die Erde. Ich reiche es Nabokov; aber er erkennt die vier Männer darauf nicht. Ich nenne ihm die Namen: Pasternak, Ehrenburg, Regler, Malraux. Nabokov ist uninteressiert: „Ich verabscheue sie alle.“

Andere hätten sich jedenfalls vorsichtiger geäußert. Aber Nabokov ist gar nicht vorsichtig. Er stellt kurz danach auch fest, daß er Thomas Mann und Albert Schweitzer nicht liebe.

„Und wen schätzen Sie in der deutschen Literatur überhaupt?“