Es gibt angenehme und unangenehme Gäste. Zu welcher Sorte der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow zu zählen sei, der Mitte August Dänemark, Norwegen und Schweden besucht – darüber ist man sich in den skandinavischen Hauptstädten noch nicht recht klar. In Kopenhagen, Oslo und Stockholm stöhnt man unisono: Wohin mit dem Gast?

– Es stöhnen besonders die drei Regierungen. Ihnen obliegt es, für Chruschtschow und sein etwa 50köpfiges Gefolge Wohnräume bereitzustellen. Doch was für Wohnräume – das ist die Frage. Ein Schloß, deren es in Skandinavien so viele gibt, kommt nicht in Frage. „Schlösser gebühren nur Staatsoberhäuptern“, hieß es in der schwedischen Presse, „und Chruschtschow ist nur Ministerpräsident“. Also ein Hotel.

Kopenhagen dachte zuerst an das „Hotel d’Angleterre“. Dollarschwere Amerikaner haben hier jedoch für den Monat August bis zur letzten Dachkammer alles belegt. „Wonderful Copenhagen“ hat für die Leute von jenseits des großen Teiches noch immer die alte Anziehungskraft.

In Oslo schließlich ließ man sich etwas ganz Besonderes einfallen. „Wir kaufen ein Gästehaus“, sagte die Regierung. Doch dieser Plan wurde von der Presse heftig attakiert. „Wenn andere Staatsmänner im Hotel wohnen“, schrieb Aftenposten, „dann kann der Russe es auch.“ Norwegen könne sich einen solchen Luxus nicht leisten, und wer könne verhindern, daß dieses Haus im Volksmund später nur noch „Chruschtschow-Haus“ heiße?

Keine leichte Aufgabe haben die Vorbereitungskommissionen, die von allen drei Ländern eingesetzt wurden und die vor wenigen Tagen gemeinsam zusammentraten, „um die Besuchsplanung zu koordinieren“. Die Schweden haben den Promoter der Fußball-Weltmeisterschaft, Holger Bergerus, zum Vorsitzenden ihrer Kommission berufen. Er soll das Organisationswunder wiederholen, das ihm bei den Fußballwettkämpfen gelang, – diesmal allerdings ohne Heja-Rufe und fahnenschwingende „Einpeitscher“.

Sorgen haben schließlich auch die Polizisten der drei Staaten. Für sie bedeutet der August Urlaubssperre. Neben den sowjetischen Detektiven mit den schweren Pistolen in ausgebeulten Taschen müssen sie über das Wohl des roten Zaren wachen.

Der einzige, der sich um all diese Probleme keine Sorgen macht, ist vermutlich Chruschtschow. Kein Zweifel: Er hält sich für einen angenehmen Gast, Günter Graffenberger