Eine klassische Anlageregel sagt, daß die Rendite bei den Aktien höher liegen muß als bei den festverzinslichen Werten, weil Aktien Risikopapiere sind und dieses Risiko entsprechend honoriert werden muß. Diese Regel hat einen Stoß erhalten, als sich herausstellte, daß Aktien bei Geldentwertungen eine sehr viel bessere (sicherere) Anlage darstellen als Rentenpapiere und Geldentwertungen leider nicht selten sind. Deshalb war die Rentenrendite nach diesem Kriege immer höher als die der Aktien. Man nahm die Mindereinnahme und auch das Risiko in Kauf, war dann aber substanzgesichert. Diese Erscheinung gilt aber nicht nur für die Bundesrepublik, sondern auch für andere Länder. In den USA, wo die Inflationsfurcht eine immer größere Rolle zu spielen beginnt, sinkt die Aktienrendite (durch die steigenden Kurse) und steigt der Zinssatz für festverzinsliche Papiere, insbesondere für Staatsanleihen. Viele Anleger (vor allem auch die mächtigen Pensions- und Investment-Fonds) verkleinern den Anteil ihrer Renten und vergrößern ihren Aktienbesitz, um einer eventuellen Dollarentwertung zu entgehen. Die Folge sind Rekordkurse bei den Aktien, die den zu erwartenden Gewinnsteigerungen bei den Unternehmen bereits heute mehr als voll Rechnung tragen. Aktien bringen in den USA, wenn es sich um erstklassige Papiere handelt, Renditen, die zwischen 2,5 und 3,5 v. H. liegen.

Bei dem heutigen Grad der internationalen Kapitalmarktverflechtung läßt sich keine Bewegung an einem der großen Börsenplätze der Welt isolieren. Sie wird überall dorthin übergreifen, wo ein freier, von keinen Devisenschranken gehemmter Kapitalverkehr möglich ist. Und das ist bei uns seit einigen Monaten der Fall. Die Amerikaner und auch die Schweizer (in beiden Ländern liegt die Aktienrendite wirklich erstklassiger Papiere niedriger als bei uns) haben sich deshalb für gute deutsche Aktien zu interessieren begonnen, und zwar allein schon aus Renditegesichtspunkten. Dabei setzen sie allerdings voraus, daß erstens für die Bundesrepublik politisch keine Gefahr besteht und daß die Konjunktur bei uns einen „gesicherten“ Verlauf nehmen wird. Das Ausland beurteilt beide Punkte, meine verehrten Leser, offensichtlich hoffnungsvoller, als wir es gemeinhin tun. Deshalb hat uns der Zeitpunkt der seit Ostern massiert im Gange befindlichen Käufe auch überrascht.

Wenn man nun versucht, in die Börsenzukunft zu sehen, dann wird man folgende Punkte berücksichtigen müssen:

1. Die Renditen auf den großen internationalen Aktienmärkten werden sich einander weitgehend nähern, sofern es sich um international bekannte und gut fundierte Gesellschaften handelt. Kommen wir auf das USA- und das Schweizer Niveau, so haben viele europäische Spitzenwerte noch einen gewissen „Nachholbedarf“.

2. Als „international bekannt“ gelten in den USA nur relativ wenige europäische Papiere. Arlagewürdig – auch für amerikanische Augen – sind aber auch andere Unternehmen. Diese herauszufinden, ist eine der Aufgaben der USA-Wertpapierexperten-Kommission, die zur Zeit Europa bereist.

3. Die Aktienkäufe auf ausländische Rechnung führen zu einer weiteren Verknappung auf den deutschen Aktienmarkt. Davon werden auch solche Papiere profitieren, bei denen man hinsichtlich dekonjunkturellen Entwicklung vielleicht Bedenken haben sollte.

Natürlich kann sich bei einer Zunahme der weltpolitischen Spannungen das ganze Bild schnell ändern. Die Amerikaner sind sehr rasch in ihren Entschlüssen und notfalls auch bereit, Verluste in Kauf zu nehmen, wenn sie glauben, daß Größeres auf dem Spiel steht.